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Nach zwei Stunden erhoben wir uns und machten einen kleinen Stadtbummel, wobei mir vor Schwäche fast die Beine weg¬knickten. Später aßen wir in einer hübschen Pizzeria zu Abend. Ich bekam endlich meine heißersehnten Spaghetti, Dieter be¬stellte sich Pollo con Verdura. Wir tranken Chianti, sprachen über Zahnmedizin, Beziehungskisten und den Freitod. Es war ein ruhiger Abend zu zweit. dem Heimweg kauften wir uns eine Flasche Cynar, die wir im Bett fast völlig austranken. Dieter schmeckte es, mir weni¬ger, aber ich trank aus Solidarität mit. Als ich mir laut Gedanken über Rüdiger machte, wo er sich wohl in diesem Moment be¬fän¬de, fing Dieter an, von Ulla zu schwärmen. Sie sei zwar nicht hübsch, doch sie sei eine Frau, die vibriere, wenn sie einen Mann liebe. la liebt total, sie würde sich für mich aufgeben», lallte er. «Warum kehrst du dann nicht zu ihr zurück?» Ich war sauer. e passt charakterlich nicht zu mir. Sie ist zu aufbrausend. Das gefällt mir nicht bei Frauen. Außerdem hatte ich ständig das Gefühl, dass sie mich hintergeht», fügte er hinzu. t das nicht ein Widerspruch zu deiner Behauptung, dass Ulla total liebt und sich aufgibt?» e versuchte ständig, mich eifersüchtig zu machen, indem sie mir erzählte, wie viele Männer hinter ihr her waren», fügte Die¬ter weinerlich hinzu. Mich begann der ganze Dialog anzu¬kotzen. Dieter war schließlich mit mir in Urlaub gefahren und nicht mit ihr! g mal, warum erzählst du mir das eigentlich alles?» h Dieter antwortete nicht mehr. Ich vernahm seinen gleich¬mäßigen Atem. Er war eingeschlafen und ließ mich mit meiner Wut allein. nächsten Morgen fühlte ich mich wieder total hässlich. Eine Mücke hatte mich ins Augenlid gestochen, das daraufhin stark angeschwollen war. Ich setzte meine Sonnenbrille auf, als ich frische Brötchen holen ging. Zurückgekommen brach ich auf der Couch zusammen, und Tränen liefen mir über die Wangen. Dieter war schon aufgestanden und sah mich fassungslos an. Mein Schädel brummte, mir war übel. Darüber hinaus war ich fast blind, da ich meine Contaktlinsen nicht einsetzen konnte, weil die Augen vom Salzwasser rot unterlaufen waren. s ist los, Maus?» fragte mich Dieter. Er nahm mich in die Arme, und ich musste ihm genau schildern, was ich an mir ab¬lehnte. Als ich es ihm nicht genau definieren konnte, sondern entgegnete, dass ich mich eben global ablehnte, wurde er unwil¬lig. bist nicht hässlich. Du hast einen schönen Körper und ein hübsches Gesicht. Was willst du mehr?» sagte er. h, du verstehst das nicht», schluchzte ich. bist auch nicht dumm. Du studierst ...», hörte ich ihn noch sagen, ehe ich erneut einen Weinkrampf bekam. Wir traten auf den Balkon, und Dieter trocknete meine Tränen. Mein Badean¬zug, den ich zum Trocknen aufgehängt hatte, flatterte im Wind. Vor dem Haus donnerte ein Kanaldeckel, jedes Mal wenn ein Auto drüber hinwegfuhr. Aus der Pizzeria, die sich unter uns be¬fand, drang Geschirrgeklapper an unser Ohr. Vom Tennisplatz hörte man dumpfe Schläge, und die jungen Schwalben piepsten in ihrem Nest. Dieter trank Kaffee und aß ein Brötchen mit Aprikosenmarmelade, ich nahm mein Tagebuch zur Hand und begann, einige Zeilen hineinzukritzeln. , Maus, ich möchte, dass du in dein Tagebuch schreibst, wie wohl ich mich hier mit dir fühle», sagte er und grinste mich an. Es war elf Uhr dreißig am Vormittag in Pomposa. Der Geruch von gebratenem Fisch drang in meine Nase. Es war heiß. Die grünen Fensterläden waren überall geschlossen. Niemand war zu sehen. einzige Schatten, der sich über la dolce vita a Pomposa leg¬te, waren Dieters Potenzstörungen, die immer gravierender wur¬den. Atemlos warf er sich auf die Seite, das Bett war zer¬wühlt und vom Sonnenöl verklebt. , das hat wirklich nichts mit dir zu tun. Bei Ulla hatte ich al¬lerdings diese Schwierigkeiten nie», presste er hervor. hatte noch das Meersalz in den Haaren und die Frage auf den Lippen, ob ich mich damit abfinden könnte, ein Durch¬schnittsleben zu führen, mit einem Mann, der schon mit dreißig impotent war. Nachts machten wir noch einen Strandspazier¬gang, um uns zu beruhigen. Es war stockdunkel, nur die weiße Gischt ließ die Konturen der Wellen erkennen. Dieter hatte den Arm um mich gelegt und erzählte mir seine Lieblingsge¬schich¬te: Die kleine Meerjungfrau. kleine Meerjungfrau verliert aus Liebe zu ihrem Prinzen das Leben und wird zu Meerschaum. Dieter sagte, dass er sie sehr gut verstehen könnte. Ich hörte ihm zu, während er mit seiner angenehmen Stimme zu mir sprach. Der Sand, über den wir lie¬fen, war feucht und kühl. Dann fielen Dieter noch die Lungen-Kiemen-Fische ein, die ein evolutionäres Phänomen darstellen. Sie steigen aus dem Wasser, falls sie dort nicht mehr genügend Nahrung finden und können bis zu drei Monate lang auf dem Land leben, wo sie sich mit Hilfe ihrer Flossen fortbewegen. Dieter verglich sich mit so einem Fisch. Ich verstand zwar nicht, in welcher Hinsicht, dennoch beeindruckte mich die Geschichte. Das Meer, der Saft aus dem wir kamen, faszinierte uns. An die¬sem Abend wollte Dieter immer wieder wissen, ob ich ihn lieb¬te. Als ich mit der Antwort zögerte, warf er mir vor, keine Illu¬sionen mehr zu haben. gehst unsere Beziehung zu rationalistisch an», sagte er. Ich glaubte nämlich nicht, dass sie ein Leben lang dauern könnte. «Wir haben beide viel zu verschiedene Vorstellungen vom Le¬ben», sagte ich. h habe noch nie eine Frau gekannt, die so ehrlich ist wie du», sagte Dieter. In einer Bar tranken wir Grappa, meine Füße taten mir weh in den engen hochhackigen Schuhen. rum muss mir das jetzt passieren, dass ich mich in diesem Alter noch einmal neu verliebe», sagte er nachdenklich. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Dieter liebte mich. Ich wusste nicht, ob ich mich in diesem Augenblick darüber freuen sollte. Der Cameriere hieß Giuseppe und erzählte uns vom Schwarzwald, wo er jedes Jahr seinen Urlaub verbrachte. Sein Bruder habe dort ein «Fräulein». Giuseppe hatte ein zerknitter¬tes Gesicht, er wirkte alt und abgelebt. Unter seinem weißen Hemd trug er ein geripptes Unterhemd, das sich deutlich ab¬zeichnete.
«In fünf Jahren möchte ich auf jeden Fall eigene Kinder haben», sagte Dieter. Ich antwortete ihm, dass ich keine eigenen Kinder haben wollte. Ich würde höchstens welche adoptieren. Dieter wurde böse. Sein Lebensplan schien mit mir ins Wanken zu ge¬raten. Wir hatten vorher nie über die Zukunft gesprochen. Die¬ters Gesicht war mit einem Mal verschlossen. Er blickte zu Bo¬den, und ich konnte ihn nicht mehr aufmuntern. s spielt doch jetzt alles keine Rolle. Wir sind hier in Italien. Ich bin glücklich mit dir», sagte ich, um ihn zu beruhigen. Doch innerlich hatte ich zum ersten Mal das deutliche Gefühl des Überdrusses. Ich fühlte mich wie der Lungenwels aus Florida: Dreist hatte ich mich auf fremdes Terrain begeben, hatte es ge¬wagt, mit einem Mann nach Italien zu fahren. Der Mond quälte sich hinter den Wolken hervor. Eine Gruppe von Halbstarken fuhr mit dröhnenden Motorrädern vorbei. Ich hatte Sehnsucht nach Rüdiger. ich nachts aus einem Alptraum erwachte, merkte ich, dass Dieter nicht im Bett lag. Er war im Nebenzimmer und las mein Tagebuch. Ich war wie erstarrt vor Entsetzen. Ratlos blieb ich an der Tür stehen und war nicht in der Lage, Dieter das Buch aus den Händen zu reißen. Ich schlich mich wieder ins Bett zu¬rück und tat so, als hätte ich nichts davon bemerkt. An unserem letzten Tag in Pomposa fühlte ich das irrsinnige Verlangen, in eine tiefe Bewusstlosigkeit zu fallen. Wir schlenderten noch ein¬mal den Strand entlang, begegneten total gestylten jungen Italie¬nern, die nach dem letzten Schrei gekleidet waren. Gi¬useppe, der wachsnasige Cameriere, wünschte uns eine gute Heimreise: «Ciao bella, fino all’anno prossimo!» hts flüsterte Dieter mir immer wieder ins Ohr: «Ich begehre dich so, Maus.» Als wieder nichts ging, erklärte er mir, dass es daran lag, dass er zu viel darüber nachdächte. Am Morgen räumten wir die Zimmer auf, wuschen das Geschirr ab, packten die Koffer und rückten die Betten wieder auseinander, die wir gleich nach unserer Ankunft in ein Doppelbett verwandelt hat¬ten. posa lag schon lange hinter uns, als ich mir im Auto die Schuhe auszog, aus denen noch der Sand rieselte, ganz fein wie unendlich viele winzige Liebesperlen. Ich spürte, dass es zu Ende war zwischen uns. Zu Hause würde ich die verknitterten, vom Sonnenöl verklebten Laken waschen, die nach Dieters Körper und nach seinen Zigaretten rochen. wir in E. ankamen und die Innenstadt durchquerten, war es schon dunkel. Trotzdem herrschte noch reges Leben auf den Straßen und Plätzen, wo sich die Wärme des Tages aufgestaut hatte. Die Leute saßen im Freien, rauchten und tranken kühles Bier. E. hatte südländisches Flair angenommen. Ich freute mich auf Rüdiger. Sicher saß er am Schreibtisch und trank eine Tasse Kaffee, um sich für’s Studieren wach zu halten.
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