Komödie der Irrungen

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Vor fünf oder sechs Jahren wurden in der Grafschaft Maryposa in einer gewissen Ortschaft Naphtaquellen entdeckt. Bei dem immensen Gewinn, den derartige Gruben in den amerikanischen Staaten abwerfen, gründete gleich ein Unternehmer eine Gesellschaft, um die neuentdeckten Quellen zu verwerten. Es wurden verschiedene Maschinen, Pumpen, Bohrer und andere Gerätschaften angekauft, Arbeiterhäuser wurden erbaut, und die Ortschaft Struck Oil getauft. Nach einer geraumen Zeit erhob sich in einer öden, unbewohnten Gegend eine Ansiedlung, die aus einigen Dutzend Häusern mit einer Bevölkerung von mehreren hundert Arbeitern bestand. Zwei Jahre später hieß Struck Oil schon Struck Oil City, und es war tatsächlich schon eine City im vollen Sinne des Wortes entstanden. Es lebten bereits ein Schuster, ein Schneider, ein Zimmermann, ein Schmied, ein Fleischer und ein Doktor in der Stadt, ein Franzose, der seinerzeit in Frankreich die Bärte rasierte, im übrigen aber ein »gelehrter« und unschädlicher Mensch war, was bei einem amerikanischen Doktor schon viel sagen will. Wie das in kleinen Städten häufig der Fall ist, unterhielt der Doktor zugleich die Apotheke und die Post; und so hatte er eine dreifache Praxis. Er war als Apotheker ebenso unschädlich wie als Doktor, denn in seiner Apotheke waren nur zwei Arzneien erhältlich: Zuckersirup und Canol. Dieser stille und sanfte Greis pflegte seinen Patienten gewöhnlich zu sagen: »Habt vor meinen Arzneien keine Angst. Ich habe die Gewohnheit, wenn ich einem Kranken eine Arznei gebe, immer eine gleiche Dosis selbst einzunehmen, denn wenn sie mir Gesundem nicht schadet, wird sie auch den Kranken nichts schaden. Nicht wahr?« »Ganz richtig,« antworteten die befriedigten Bürger, denen es gar nicht einfiel, daß es die Pflicht eines Arztes sei, nicht nur dem Kranken nicht zu schaden, sondern zu helfen. Herr Dasouville - so hieß der Doktor - glaubte aber besonders an die wunderbaren Folgen des Canol. Auf Volksversammlungen zog er zum Beispiel den Hut vom Haupte, und sich zum Publikum wendend, sagte er: »Meine Herren und Damen! Überzeugt Euch von der Wirkung meines Mittels. Ich bin siebzig Jahre alt. Seit vierzig Jahren nehme ich täglich Canol ein, und schaut, ich habe kein einziges graues Haar auf dem Kopf.« Die Damen und Herren aber bemerkten, daß der Doktor nicht nur kein einziges graues Haar, sondern überhaupt keins hatte, denn sein Kopf war kahl wie ein Lampenschirm. Da aber derartige Bemerkungen zu Struck Oil Citys Gedeihen in gar keiner Weise beitrugen, wurden sie auch nicht weiter beachtet. Unterdessen wuchs und gedieh Struck Oil City.1,00 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM