Das zweite Gesicht

RSSDas zweite Gesicht Das zweite GesichtCover: Das zweite Gesicht

Deutsch

Eine Liebesgeschichte Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf. Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los. Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende weiter.1,00 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

Dateiformat vorwählen
  • pdf
  • lit
Zahlungsart wählen
  • Bücherliste
  • Leseprobe
  • Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf. Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los. Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende weiter. So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her. Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war. Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte. »Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände um den Mund und rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück. So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam. »Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war. Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, den glimmenden Torf, an den knisternden Wachholderbüschen und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war; einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.