Mein Wunscherbe. Teil 1: Zwischen zwei Welten

Eine biografische Liebes-Reise-Dokumentation über die Gründerin der Deutsch-Indischen-Gesellschaft in Hamburg e.V.

RSSMein Wunscherbe. Teil 1: Zwischen zwei Welten Mein Wunscherbe. Teil 1: Zwischen zwei WeltenCover: Mein Wunscherbe. Teil 1: Zwischen zwei Welten

Deutsch287 SeitenErschienen: 2010

15 Jahre hat es gedauert bis Dietlinde Hachmann das Erbe ihrer Mutter öffnen konnte. Ein großes Paket, in Plastikfolie verpackt, mit Paketband verklebt. Fotoalben kamen zum Vorschein, Unterlagen darüber, dass die Mutter 1954 in Hamburg die Deutsch-Indische Gesellschaft gegründet hatte, und Briefe, Briefe, Briefe. Von der Gründung hatte die Tochter gewusst, auch, dass die Mutter 1956 in Indien war, aber alles andere? Vielleicht hatte es jemand vermutet, aber gewusst hatte das niemand. Denn das Paket enthielt die Antwort auf die Frage nach dem Bild an der Wand im Schlafzimmer ihrer Mutter. Es war die Fotografie von Onkel Deboo, jedenfalls hatten Dietlinde und ihre Schwestern ihn immer so genannt. Er stand an einer Straße im Himalayagebirge, lässig die Hand in der Hosentasche. Eine fast unglaubliche Geschichte offenbarte sich: spannend, interessant, bemerkenswert, traurig, lehrreich, gefühlvoll, dramatisch, anziehend – das sind nur einige der Attribute, die diese Lebensgeschichte charakterisieren. 1937 beschließt die 19jährige Lieselotte in Schottland zu studieren. Dort lernt sie die „Liebe ihres Lebens“ kennen, einen Studenten aus Indien. Der 2. Weltkrieg beendet jäh, was noch gar nicht begonnen hatte. In Deutschland heiratet sie ihren deutschen Verehrer Hans und wird bis 1951 Mutter von 4 Töchtern. Nach dem Krieg und der Flucht ist die Familie plötzlich bettelarm und auf Hilfe angewiesen. Ist es Schicksal, dass Lieselotte in Hamburg auf indische Studenten trifft, die sie in der Deutsch-Indischen Gesellschaft zusammenführt? Dass sie den Ministerpräsidenten Indiens, Nehru, kennenlernt? Dass sie, einer plötzlichen Eingebung folgend, ihren Freund aus Schottland in Indien ausfindig macht, einen intensiven Briefwechsel mit ihm pflegt und schließlich, mit Hilfe ihres Ehemannes, eine mehrmonatige Reise nach Indien plant, ohne Familie? Eine, nein, zwei ergreifende Liebesgeschichten und den Beginn einer ungewöhnlichen Reise erzählen die Briefe aus Dietlinde Hachmanns „Wunscherbe“. Um ihren eigenen Kindern und Geschwistern die unbekannte und faszinierende Geschichte ihrer Mutter zu erzählen, beschloss Dietlinde Hachmann, ein Buch darüber zu schreiben.ISBN: 978-3-941404-13-7Verlag: Acabus VerlagTags: BriefeBiografieBiographieIndien Deutsch-Indische-Gesellschaft3,99 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

  • Bücherliste
  • Leseprobe
  • "Es wurde März. Eine zarte Schneeschicht bedeckte noch immer die Krokusse, Perlhyazinthen und andere Frühlingsblüher, die hier und da bereits versuchten, an die Oberfläche zu wachsen, als endlich Deboos Antwort auf meinen letzten Brief eintraf. „Meine liebe Liese“, schrieb er, „sicher bist du sehr böse mit mir, weil du so lange auf meine Antwort warten musstest. Ich war fast den ganzen Februar über nicht in Delhi. Zwei Wochen lang war ich mit einem amerikanischen Botaniker im Norden Indiens. Später musste ich mit unseren Studenten der Agrarwissenschaften nach Ostindien, um ihnen einige Landwirtschaften zu zeigen. Ich mag diese Reisen nicht, weil ich dann jedes Mal meine Tochter bei Nachbarn lassen muss. Es beschämt mich sehr, dass ich dir nicht früher schreiben konnte, aber es ist kaum möglich, einen herzlichen und lieben Brief zu schreiben, wie ich es möchte, wenn man ständig unterwegs ist. […] Ich bin sehr überrascht, dass du dich an die Fotos in meinem alten Album erinnerst. Leider habe ich diese Bilder nicht mehr, sie gehören zu den Dingen, die in Burma geblieben sind, als wir so überstürzt vor den Japanern fliehen mussten. Den Mann, mit dem wunderschönen Gesicht, den du in deinem Brief erwähntest, war Sarat Chatterjee. Er war ein großer bengalischer Romanschriftsteller. Ich bin entfernt mit ihm verwandt. Er starb vor etlichen Jahren. Seine Bücher handeln von sozialen Problemen in Indien und vom dörflichen Leben. Die meisten sind inzwischen verfilmt worden. Erinnerst du dich noch an den Abend, als die Studenten einen indischen Abend veranstalteten, mit Volkstänzen, indischer Musik und kurzen, schauspielerischen Einlagen? Ich tanzte damals einen Solo-Tanz und danach haben wir uns gesehen. Ein Frl. Pascher war auch dabei. Weißt du, was aus ihr geworden ist? […] Nun möchte ich dir wieder etwas über Indien erzählen. In diesem Jahr ereignete sich beim „Kumbha mela“, einem der größten religiösen Hindufeste, eine schreckliche Tragödie. Der genaue Termin für das Kumbha mela wird durch den Stand von Mond und Sternen ermittelt und abwechselnd in Haridwar oder in Allahabad, beides Städte, die am Ganges liegen, ungefähr alle zwölf Jahre abgehalten. In diesem Jahr fand es im Januar in Allahabad statt. Du weißt, dass die Inder den Fluss Ganges als sehr heilig betrachten. Deshalb kamen mehr als vier Millionen Menschen zum Ganges, um die rituelle Waschung vorzunehmen. Alle wollten zur selben Zeit am selben Platz baden; aber es geschah ein Unfall. Durch den Druck der riesigen Menschenmenge wurden mehr als dreihundertfünfzig Menschen zu Tode gequetscht. Am 18. März 1954, also in wenigen Tagen, feiern wir das „Holi-Fest“. An diesem Tag ist die gesamte Hindu-Bevölkerung ausgelassen und fröhlich wie selten. Es ist das indische Frühlingsfest und wird am Vollmondtag an zwei Tagen gefeiert. Wir nennen es auch das „Fest der Farben“. In der ersten Nacht wird ein Feuer entzündet, das die Verbrennung von Holika symbolisieren soll, einer aus grauer Vorzeit stammenden Angehörigen eines Kannibalenstammes, die besonders gern Kinder verschlang. Am zweiten Tag wird der gesamte gesellschaftliche Status aufgehoben und reich und arm, alt und jung, männlich und weiblich, alle feiern sie zusammen. Man besprengt sich mit gefärbtem Wasser oder bemalt sich mit bunten Farben; dabei spielt es keine Rolle, ob man sich kennt oder nicht. Es hat den indirekten Effekt, die vorhandenen Differenzen zwischen den verschiedenen Klassen und der vornehmen Gesellschaft zu reduzieren. Während des Holi werden überall Volkslieder gespielt. Die Lieder werden in vielen Variationen gesungen und die Frische und der Charme, mit dem sie von den unverfälschten, einfachen Leuten vorgetragen werden, ist sehr schön. Ich weiß nicht, ob dir die Ausführungen in meinen kurzen Briefen genügen, du bist begierig und willst immer mehr über unser großartiges Land erfahren. Aber du weißt auch, dass ich eine Menge an offizieller Arbeit zu erledigen habe. Vielleicht reichen dir meine kurzen Briefe nicht aus? Dein Wissen über Indien ist größer als das anderer Europäer und vielleicht aller Amerikaner. Ich fühle ein großes Vergnügen und bin sehr aufgeregt, wenn ich dir schreibe. Da bist du mir so nahe, dass ich meine, ich könnte mit dir sprechen. Ich schätze deine Briefe, sie sind voll warmer und freundlicher Gefühle. Mein Verlangen, dich nach so vielen Jahren wiederzusehen, ist manchmal zu groß. Aber ich kann deine Lage verstehen, vor allem, weil du so weit entfernt bist und eine nette, kleine Familie hast. Vielleicht hast du auch viel Arbeit in deinem Haus. Ich hoffe, eines Tages werde ich die Gelegenheit haben, dich in Deutschland oder irgendwo in Europa zu sehen. Zum Schluss, liebe Liese, möchte ich dir für deine kurzen Worte in Deutsch danken. Du hast mir ein Kompliment gemacht, aber ich kann dem gewiss nicht gerecht werden. Du sagst es nur, weil du so gut bist und deshalb wünsche ich dir viel Glückseligkeit in deinem Leben. Mit Liebe und besten Grüßen, dein Deboo“ Ich fühlte, wie ich bei diesen Worten rot wurde und ein wonniges Glücksgefühl durchströmte mich, das aber bald einer tiefen Traurigkeit wich. Noch nie hatte er so offen über seine Gefühle gesprochen. Ich spürte, dass er in einer sehr sentimentalen Verfassung gewesen sein musste, als er diesen Brief schrieb, denn sein Anstand und seine Moral waren sehr hohe Güter. Am nächsten Tag las ich den Brief noch einmal, denn mir gingen seine letzten Sätze nicht aus dem Kopf. Jetzt erst bemerkte ich, dass seine sonstige Akkuratheit fehlte. Die Schrift war enger und unordentlicher, oftmals korrigiert und die Seiten derart vollgeschrieben - jeder leere Platz war ausgefüllt - dass ich beim Lesen mitunter Mühe hatte, die Worte zu entziffern. Besonders der Schluss war derart zart geschrieben, als wollte er mir die Worte nicht schreiben, sondern hauchen. Oder wollte er, dass ich die Worte lese und sie danach gleich wieder wie scheue Rehe ins Dickicht des Nicht-Gesagten entschwinden würden? Das wollte ich nicht und deshalb schrieb ich ihm sofort zurück. „Lieber Deboo, heute ist Frühlingsanfang in unserem Land. Überall ist es aber noch kalt und die Sonne scheint nur selten. Es sind nur wenige Blumen in meinem Garten zu sehen, bis auf ein paar winzige, grüne Punkte, die einmal Osterglocken oder Tulpen werden wollen. Ich habe deinen letzten Brief bekommen – es war der schönste, den du mir bis jetzt geschrieben hast. Mein Verlangen, dich wieder einmal persönlich zu sehen und zu sprechen ist genau so groß wie deines und ich hoffe sehr, dass du eines Tages nach Europa kommst. Für die ausführlichen Erläuterungen über Kumbha mela und das Holi-Festival danke ich dir sehr. Ich habe kürzlich eine sehr schöne Übertragung vom Frühlingsfestival im A.I.R. gehört. Ich kann jetzt übrigens das indische Radio empfangen und höre es oft. Diese Zeit nenne ich meine „indische Stunde“. Sie spielen bengalische Ernte-Lieder, die die Bauern auf dem Feld singen. Ich mag diese besonderen Lieder wegen ihrer lieblichen, schönen Melodien. Manche indische Musik ist schwer zu hören, aber je öfter ich es tue, umso mehr mag ich sie. Natürlich bin ich nicht fit genug, um die Unterschiede in den verschiedenen Musikstilen zu erkennen. Schon lange wollte ich dich fragen, wann du Geburtstag hast. Würdest du es mir bitte schreiben? Auch die Kinder möchten gerne erfahren, wann Ratna Geburtstag hat; sie fragen immer nach ihr. Es ist für sie unerträglich, sich vorzustellen, dass Ratna keine Geschwister hat, mit denen sie spielen kann. Sie möchten, dass ich dir erzähle, dass es hier wunderbare Spielmöglichkeiten gibt und dass Ratna hier auch zur Schule gehen könnte, wenn sie möchte. Auf jeden Fall grüßen sie Ratna ganz herzlich. Vor einigen Tagen hörte ich im A.I.R. die Geschichte der „Queen of Kashmir“ in der Serie „Indische Geschichte“. Ich mag diese Serie sehr gerne. Aber leider war die Übertragung an diesem Tag etwas gestört, so dass ich nicht sicher bin, ob sie die wunderschönen Gedichte selber verfasst hat, die während der Erzählung ihrer Lebensgeschichte vorgetragen wurden. Ich würde gerne mehr über sie wissen. Zwar kann ich ihren Namen aussprechen, aber ich habe keine Vorstellung, wie man ihn schreibt. – Eine Zeile aus einem Gedicht erinnere ich: „Dear, come, oh come to me …“ Soll ich das auch zu dir sagen? Deine Liese“