Die Eiswolf-Saga - Teil 2

Irrwege

RSSDie Eiswolf-Saga - Teil 2 Die Eiswolf-Saga - Teil 2Cover: Die Eiswolf-Saga - Teil 2

Deutsch391 SeitenErschienen: 2010

In Begleitung seines treuen Gefährten Konrad wird der Benediktinernovize Faolán in das streng reglementierte Columbankloster verbannt. Dort scheint jedoch nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen, und Tag für Tag wächst auch Faoláns Sorge um Svea, seine große Liebe. Von dieser Furcht getrieben, entwickelt Faolán einen gefährlichen Fluchtplan um den eigenartigen Columbanbruder Clemenza. Etwa zur selben Zeit befindet sich der Edelherr Brandolf auf der Suche nach dem verschollenen Grafensohn Rogar, dessen ermordetem Vater er einst den Eid geleistet hat, sich um den Knaben zu kümmern. Doch der Mörder von damals lässt nichts unversucht, um dies zu verhindern. Eines Tages trifft der Edelherr auf zwei verwahrloste Pilger, deren Identität einige Fragen aufwirft, während Prior Walram, Graf Rurik und dessen Sohn Drogo bereits neue Ränke schmieden. Allerdings rechnet keiner von ihnen mit dem Einfluss jener Männer, die einst für den Überfall auf die Grafenburg verantwortlich gemacht wurden ... bis das Schicksal ihre Wege kreuzt!ISBN: 978-3-941404-30-4Verlag: Acabus VerlagTags: Historischer Roman4,99 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

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  • Aus Kapitel 3: Anno 963 – Im Columbankloster Die vier Wände seiner Büßerzelle waren das Einzige, was Faolán in den ersten Wochen im Columbankloster zu sehen bekam. Im Gegensatz zum Büßerhaus des Benediktinerklosters gab es in dieser Zelle noch nicht einmal ein Loch im Boden für seine Ausscheidungen. Lediglich ein hölzerner Bottich mit einem Deckel diente zur Verrichtung der Notdurft, und dieser wurde nur hin und wieder geleert. Kot und Urin sammelten sich tagelang darin, doch Faolán nahm den herrschenden Gestank gar nicht mehr wahr. Wahrscheinlich roch er selbst inzwischen wie der Inhalt des Kübels, dachte er sich. Wie abscheulich es in der Zelle stank, konnte er nur erahnen, wenn er die Gesichter der stummen, namenlosen Novizen beobachtete, die ihm wechselnd täglich Brot und Wasser brachten. Immerhin wurde zu dem Krug Wasser auch ein Stück Brot beigelegt, wenn es auch von schlechter Art war. Während Gewürze und Salz nur spärlich hinzugegeben wurden, schien der Müller für andere Beigaben im Mehl zu sorgen. Immer wieder fand Faolán kleine Steinchen oder andere Fremdkörper im Brot, die ungenießbar waren. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn er eines Tages gar eine tote Maus darin gefunden hätte. Ob das dann ein Anlass zur Freude oder zum Ärgernis gewesen wäre, darüber war er sich allerdings nicht im Klaren. Solche Gedanken waren jedoch nur eine dürftige Ablenkung in der klammen Zelle, in die der nasskalte Herbst ebenso Einzug hielt wie in die bewaldeten Lande jenseits der Mauern. Die Kälte vernichtete selbst das letzte Gran Hoffnung, das Faolán noch gehegt hatte. Sogar das Bild des weißen Wolfes, das er Tag für Tag aufs Neue vor seinem inneren Auge heraufbeschwörte, wurde zusehends schwächer. Je kraftloser er wurde, umso blasser erschien ihm auch diese Erscheinung. Faolán war inzwischen abgemagert. Er hatte noch nie zur Fettleibigkeit geneigt, sonst hätte er jetzt vielleicht davon zehren können. Es dauerte nicht lange, bis sich seine Knochen immer deutlicher unter dem schwindenden Fleisch abzeichneten. Hätte er nackt an sich herabgeblickt, so hätte er sich nicht wiedererkannt. Doch selbst dazu war er zu schwach. Jede Bewegung war zu einer qualvollen Anstrengung geworden. Aus diesem Grunde blieb Faolán meist den ganzen Tag auf dem Boden seiner Zelle liegen und wartete, bis sich die Tür öffnete und die Tagesration hereingereicht wurde. Dann schleppte er sich zur Schale mit dem Brot, und es dauerte oft sehr lange, bis er das Stück gekaut und mit einem Schluck Wasser hinuntergespült hatte. Manchmal war das Brot so hart, dass er es erst im Wasserkrug einweichen musste, ehe es überhaupt essbar war. Faolán hoffte, dass Konrad in der Zelle nebenan diese Tortur besser überstehen würde als er. Die Verfassung seines Freundes war für gewöhnlich um einiges besser als seine eigene. Vielleicht würde ja Konrad ihren Peinigern zeigen, dass sie nicht so leicht zu unterjochen waren. Diese verzweifelte Hoffnung schwand jedoch mit jedem weiteren Tag. Faoláns Blick wanderte entlang der Wände, hinauf zu dem schmalen Schlitz, den man kaum als Fenster bezeichnen konnte. Es fiel gerade genug Licht in die kleine Kammer, um sie bei Tage dämmrig trüb zu erhellen. Dieses Dämmerlicht entsprach inzwischen auch dem Geisteszustand des Novizen. Immer häufiger war sein Verstand getrübt. Manchmal verschwammen Tag und Nacht so ineinander, dass Faolán nicht wusste, ob er träumte oder wachte. Manchmal glaubte er sogar, der weiße Wolf läge tatsächlich neben ihm und er müsse nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren. Doch allein den Arm zu heben war ihm bereits zu beschwerlich. Umso verwirrter war Faolán, als plötzlich grelles Licht den sonst so dunklen Raum erhellte. Unter großer Willensanstrengung drehte er sich langsam zur Tür hin. Das Licht blendete ihn, doch er zwang sich, weiter hinzusehen. Die Tür stand weit offen! Sie schien ihm wie ein gleißend heller Durchgang inmitten der dunklen Wand zu sein, die verlockende Freiheit verhieß und für Faolán dennoch unüberwindbar war. Zu kraftlos war er, als dass er sich hätte aufraffen und hindurchgehen können. Zunächst geschah nichts weiter, und Faolán wurde stutzig. Kein Novize erschien, um Nahrung zu bringen oder um den Kübel mit Exkrementen zu entleeren. Trotz seiner Schwäche begann Faolán, sich mühselig aufzurappeln. Es war kein Laut zu vernehmen. Er versuchte, sich zur Tür zu schleppen, doch Arme und Beine versagten ihm den Dienst und er brach wieder zusammen. Ungläubig starrte der Novize erschöpft in die grelle, blendende Freiheit, unfähig, der Verlockung zu folgen. In diesem Augenblick erschien eine dunkle Gestalt im strahlenden Licht. War es ein Engel? Ein Verkünder seiner persönlichen Apokalypse? „Entkleide dich!“, befahl eine unbekannte Stimme, die nach all den Wochen des Schweigens und der Stille schmerzvoll in Faoláns Ohren dröhnte. Sie drang ohne Erbarmen in seinen Schädel, der wegen des ungewohnten Lärms zu bersten drohte. Obwohl kraftlos auf dem Steinboden liegend, versuchte der Novize der Anweisung Folge zu leisten. Gehorsam lautet das oberste Gebot in dieser Abtei, hatte er sich in den letzten Wochen immer wieder gesagt, so dass er diesem Gebot tatsächlich gerecht werden musste. Er wusste zwar nicht, wie er es vollbracht hatte, doch als Nächstes begriff er, dass er sich stehend das schmutzige Büßerhemd über den Kopf zog und zu Boden gleiten ließ. Als er wieder zur Tür blickte, war die Gestalt verschwunden. Nackt und frierend wartete Faolán. Seine Sinne waren benebelt und er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das Stehen war zermürbend und seine Beine begannen zu zittern, aber er wagte nicht, sich auf den Boden zu setzen. Mit Mühe hielt er sich aufrecht und seine Augen offen, doch die Kammer schien sich um ihn zu drehen und drohte über ihm zusammenzustürzen, ihn zu zermalmen und auf ewig unter den Trümmern zu begraben. Da erschien die Gestalt erneut in der Tür. Wortlos schritt sie mit einem Eimer in der Hand auf Faolán zu. Der Novize versuchte zu verstehen, was vor sich ging, doch erst als sich das eiskalte Wasser über ihn ergoss, begriff er und fand zugleich schlagartig seinen Verstand wieder. Mit aufgerissenen Augen schnappte er nach Luft und hoffte, dass sein Herz nicht stehen bleiben würde. Der Mönch, der den Kübel über ihm entleert hatte, verschwand wieder. Hellwach und fröstelnd blieb Faolán in der Zelle zurück. Das gleißende Licht wich in seinem klaren Verstand dem Bild eines erleuchteten Flures jenseits der Tür. Als der Mönch darin ein drittes Mal erschien, warf dieser dem Novizen ein Bündel zu und sprach: „Zieh das an und folge mir!“ Dankbar und erleichtert stellte Faolán fest, dass es sich bei dem Bündel um ein dickes, winterliches Novizenhabit handelte. So flink es ihm seine zitternden Gliedmaßen erlaubten, streifte er es über und war froh, das grobe und kratzende aber immerhin wärmende Leinen auf seiner Haut zu spüren. Mit großer Willensanstrengung brachte der Novize seine Beine dazu, sich zu bewegen und trat aus der Zelle. Einen Augenblick später trat wenige Ellen neben ihm noch eine weitere Gestalt auf den Flur. Es war ein abgemagerter Jüngling mit zerzaustem Haar, schleppendem Gang und ebenfalls in ein Novizenhabit gekleidet, den Faolán nicht kannte. Er schaute den Unbekannten genauer an und erschrak, als er begriff, dass Konrad vor ihm stand. Sein Freund war in den vergangenen Wochen ebenso karg verköstigt worden wie er, und das Resultat dieser Pein sah Faolán jetzt vor Augen. Konrads Gesicht war eingefallen, die Haut lag dicht an den Knochen und seine Haltung war gebeugt. Er begrüßte Faolán mit einem dünnen Lächeln, das dieser unsicher erwiderte. Dann drehte sich Konrad dem wartenden Mönch zu. Offensichtlich hatte auch er sich Degenars abschließende Worte zu Herzen genommen und schien sich den Regeln der Abtei fügen zu wollen. Der Bruder hielt es nicht für notwendig, den beiden Novizen seinen Namen zu nennen. Stattdessen machte er kehrt und führte sie zügig durch die Abtei, so dass die beiden Mühe hatten, Schritt zu halten. Dabei erklärte er ihnen mit knappen Worten die Funktionen der einzelnen Bauten und den Tagesablauf sowie die Regularien der Gemeinschaft. Zu keinem Zeitpunkt verlor er ein Wort über Buße oder Sühne. Er sprach die beiden Novizen auch nicht auf ihre begangenen Taten an. Vielmehr behandelte der Mönch sie wie zwei gewöhnliche Jünglinge, die in das Noviziat aufgenommen werden sollten und die er soeben vom Tor abgeholt statt aus den Büßerzellen entlassen hatte. Der Kleriker nahm keine Rücksicht auf die körperliche Verfassung der beiden Novizen. Weder verlangsamte er seinen Gang, noch sprach er sie direkt an. Es war ihm offensichtlich gleichgültig, ob die beiden auch nur ein einziges seiner Worte verstanden, denn er sprach undeutlich und monoton vor sich hin. Faolán und Konrad hatten Mühe, sich darauf zu konzentrieren, ohne den Anschluss zu verlieren. Einzig als der Bruder die wichtigsten Regeln des Klosters rezitierte, blieb er stehen und sprach die Novizen direkt und gut verständlich an. Bei diesen Regeln handelte es sich hauptsächlich um Gehorsam, Achtung und Respekt, vor allem älteren Mitbrüdern gegenüber. Ein betagter Mönch hatte einem jüngeren gegenüber grundsätzlich immer Recht, selbst wenn er im Unrecht sein sollte! Strenge und Härte waren zwei weitere Prinzipien der Abtei, sowohl gegenüber anderen als auch gegen sich selbst. Die ideologischen Grundfesten dieser Gemeinschaft erschienen Faolán so simpel und gnadenlos aufgebaut, dass er schon jetzt bezweifelte, sich je daran halten, geschweige denn gewöhnen zu können. Die Regeln kamen Faolán teilweise derart aberwitzig vor, dass er sich fragte, ob er sie falsch verstand. Konrads Blicken und den klaren Worten des Mönches nach zu urteilen, entsprach es jedoch der nüchternen Realität. Zunehmend begriff er, dass Abt Degenars Forderung, sich in dieses Kloster zu integrieren, einer kompromisslosen Selbstaufgabe gleichkam. Nichts anderes erwarteten die Regularien dieser Bruderschaft. Aus Kapitel 4: Anno 965 – Über die Alpen Die beiden Männer beobachteten den Edelherrn schon eine geraume Zeit. Lange hatten sie auf diese Gelegenheit gewartet, doch bisher hatte Brandolf sich immer in den Reihen seiner Männer aufgehalten. Heute Nacht allerdings war er ohne sie unterwegs, und zu ihrem Glück hatte er offensichtlich die Orientierung verloren, denn er hielt geradewegs auf einen Abgrund zu. Einer der Verfolger war von normalem Wuchs, der zweite war groß und breit gebaut. Beide trugen dicke Gewandung gegen die Kälte wie jeder Mann im Tross. Tücher vor Mund und Nase verbargen ihre Gesichter. Sie sahen tatsächlich wie Meuchelmörder aus. Verstohlen blickten sie sich immer wieder um, während sie einem Getreuen des Kaisers nachstellten. Die Nacht war still. Einzig das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln war zu hören. Nichts würde sie verraten. Nicht heute Nacht. Plötzlich hielt der größere der beiden Männer inne. Er hielt den anderen zurück, der sich daraufhin verwirrt umblickte. Schließlich sprach der Große mit polternder Stimme: „Er ist verschwunden!“ Der andere Krieger schaute wieder nach vorne und starrte in die verschneite Nacht. Auch er konnte nichts mehr sehen. „Wo ist er hin?“ „Vielleicht war er dem Abgrund zu nahe“, schlussfolgerte der Große. „Meint Ihr, er ist abgestürzt?“, flüsterte sein Kumpan, beinahe schon erleichtert klingend und versuchte, durch den Schneefall hindurch etwas zu erkennen. Doch es war nichts zu sehen, weder der Edelherr, noch der Abgrund. „Möglich wäre es. Wir sollten uns vergewissern“, antwortete der andere und setzte sich vorsichtig wieder in Bewegung. Langsam näherten sie sich der Schlucht. Sollte der Edelherr in die Klamm gestürzt sein, so wäre ihnen damit einige Arbeit abgenommen. Der große Krieger war es zwar gewohnt, solche Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, doch er hatte auch nichts dagegen, wenn ihm das Schicksal einmal entgegen käme. So müsste er sich nicht in Lügen vor seinem Kaiser verstricken, sollte er über den Verbleib des Edelherrn befragt werden. Mit größter Vorsicht schlichen die beiden Männer voran. Schließlich wurde es im Weiß und Grau vor ihnen dunkler. Erneut hielt der größere Mann den kleineren zurück. Etwa ein Dutzend Ellen vor ihnen tat sich der Abgrund auf. Er war nicht deutlich zu erkennen, sondern glich einem dunklen Schemen, der auch eine Felswand hätte sein können. Unmittelbar vor den beiden führte eine Fußspur direkt auf die Schlucht zu. „Geh und sieh nach, ob er hinabgestürzt ist“, befahl die polternde Stimme des großen Kriegers. Der andere gehorchte und schlich sich vorsichtig an den Rand des Abgrundes. Die Fußabdrücke im Schnee endeten dort tatsächlich und es hatte den Anschein, als sei der Verfolgte hinabgestürzt. Weit und breit war nichts von ihm zu sehen. Auch in der Tiefe war nichts außer Schwärze zu erkennen. Vielleicht würde man am Morgen eine Gestalt auf dem Grund der Klamm ausfindig machen können, sofern man überhaupt so tief blicken konnte und der Schnee nicht schon alles überdeckt haben würde. Behutsam folgte der große Mann seinem Kumpan bis auf ein paar Schritte an den Rand der Kluft. Besonnen suchte er mit einer Hand Halt an einem aufragenden Fels und spähte in die Dunkelheit. Er konnte ebenfalls nichts ausmachen. „Wenn er wirklich dort unten liegt, wird jede Hilfe zu spät kommen“, stellte der kleinere Mann zufrieden fest und rieb sich dabei die Hände wie nach getaner Arbeit. „Ich will es hoffen!“ Der große Krieger war in Gedanken vertieft. „Weshalb hegt Ihr eigentlich einen solchen Groll gegen den Edelherrn Brandolf? Was hat er Euch angetan, dass Ihr seinen Tod wünscht? Ist es eine Fehde, die Ihr austragt?“ „So ähnlich“, antwortete der große Krieger mit grollendem Unterton. „Er versucht, mir meinen Platz streitig zu machen, seit ich den meines Bruders eingenommen habe. Nicht nur jenen an der Seite des Kaisers, sondern auch den in der Grafschaft. Bislang waren seine Erfolge eher gering, doch im vergangenen Jahr hat er sich auf dem Feld verdient gemacht und ist im Ansehen des Kaisers gestiegen. Diesem Günstling gilt es, das Handwerk zu legen.“ Er beugte sich noch einmal vor und schaute in die Schlucht hinab, ohne mehr erkennen zu können. Noch bevor er sich wieder aufrichten konnte, löste sich plötzlich der obere Teil des Felsen, an dem er sich festhielt, und stürzte neben ihm zu Boden. Erschrocken drehte der große Mann sich mit einer reflexartigen Bewegung um, wobei er versehentlich seinen Begleiter anstieß. Der verlor das Gleichgewicht und taumelte mit rudernden Armen auf den Abgrund zu. Die Augen des Mannes weiteten sich, als er seinen Halt verlor. „Helft mir …“, war das letzte, was der kleinere Mann tonlos sagen konnte, ehe er mit einem schnell verstummenden Schrei in die Schlucht stürzte.