Die Skulptur

RSSDie Skulptur Die SkulpturCover: Die Skulptur

Deutsch343 SeitenErschienen: 2009

[i]Und Karl, immer wieder Karl ... Sie wusste nicht, wie lange sie dort gestanden und auf das Klingelschild gestarrt hatte. In sich eine Empfindung von Einsamkeit und Verlorenheit, die etwas Endgültiges hatte und schon jenseits der Verzweiflung lag. Verzweiflung hieß immer noch an etwas zu hängen, hieß immer noch, wenn auch verzweifelt, zu hoffen. Warin hing noch an Karl, aber das hatte nichts mehr mit Hoffnung zu tun. Nur mit ihr. Es gab nichts, worauf sie hoffte, was sie wollte.[/i] Warin trennt sich von Karl, zwei Menschen und eine gescheiterte Beziehung. Eine ganz alltägliche Geschichte. Hinter dem äußeren Anschein jedoch verliert sich die Alltäglichkeit und es entfalten sich die ganz persönlichen Abgründe der Existenz. Der Roman beschreibt in kraftvollen und poetischen Bilder Warins inneren Verzweifelungskampf um ihre große, unmögliche Liebe. Schritt für Schritt unterspülen die Untiefen ihrer Gefühle ihre gesamte Existenz – bis zum Zusammenbruch. Während Warin kämpft, hat ein tragisches Ereignis in Karls Kindheit dessen Schicksal bereits besiegelt, auch wenn es noch über 30 Jahre dauern wird, bis es sich erfüllt. In beinahe akribisch jede Tiefe seiner beiden Protagonisten auslotenden Empfindungsprotokollen entfaltet sich die beklemmende Herrschaft verborgener innerer Wahrheiten über zwei Menschen, die aufeinander getroffen sind, ohne je eine wirkliche Chance gehabt zu haben, sich zu erreichen. Das Grenzland der Gefühle, ihre Ränder, dort, wo sie von Hoffnung in Verzweiflung umschlagen, in die Tiefe drücken, zu Schatten im eigenen Seelenlabyrinth werden, an der Oberfläche verborgen von den Kulissen des ganz normalen, alltäglichen Lebens, auf diesem Territorium entfaltet sich der psychologische Roman „Die Skulptur“. Liebe und Selbstaufgabe, äußerer Anschein und innere Wahrheit, das folgenreiche Ineinandergreifen von Schicksalen, das Gefängnis eigener Gefühle und die Fesseln der Vergangenheit, schließlich die unentrinnbare, wenn auch nie ganz einlösbare Verantwortung von Menschen füreinander – das sind seine Motive. Ipek Demirtas schildert die Geschichte von Warin und Karl mit einer absoluten Intensität, die einen nicht mehr los lässt. ISBN: 978-3-941404-54-0Verlag: Acabus VerlagTags: AcabusGegenwartsliteraturFilosof14,90 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

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  • Leseprobe
  • Aus Kapitel 1: Immer noch kommt ihr alles unwirklich vor. Was tut sie hier, in dieser fremden Wohnung? Vor etwa drei Wochen hatte Warin tatsächlich begonnen, nach einer Wohnung zu suchen, widerwillig, halbherzig, vielleicht nur, um noch weiter aushalten zu können, was nicht mehr auszuhalten war: Seine Gleichgültigkeit, seine Kälte, seine Härte, an denen alles abzuprallen schien, an der sie sich bis zur Selbstaufgabe verzehrte. Die Scham kam immer erst hinterher, ein verspäteter Reflex, bedeutungslos, denn Liebe ist schamlos. Warin hatte Zeitungsanzeigen durchgesehen, hatte Wohnungen gefunden, die vielleicht in Frage kamen, sie aber nicht angesehen. Sie war zu ausgeschriebenen Besichtigungsterminen gegangen, ohne dann aber die Häuser zu betreten. Sie suchte nicht wirklich, denn sie wollte nicht weg von ihm. Schließlich, es war die allerletzte Reserve, die ihr noch geblieben war, schließlich hatte sie ihm gesagt, dass sie ausziehen würde, wenn ... Wenn er doch nur bereit gewesen wäre, ihr das Zeichen zu geben, nur ein kleines Zeichen, dass nicht alles umsonst war und immer umsonst bleiben würde, wenn er sich doch nur bemüht hätte, ein ganz klein wenig ... Aber er hatte es nicht getan, er war passiv geblieben, wie immer, er hatte ihr kein Zeichen gegeben, er war stumm geblieben, wie immer, war aggressiv geworden, fast als wollte er sein Schweigen gegen sie, gegen ihre Liebe verteidigen. Bis zu dem Moment, als sie es angekündigt hatte, weil es das Letzte blieb, was überhaupt noch von ihr zu sagen war, nach allem: „Karl, ich werde ausziehen. Ich verlasse dich. Du willst es doch, ich spreche es nur für dich aus, für uns ... Es hat doch keinen Sinn mehr.“ Ein paar Sekunden Stille. Sich über einen Abgrund neigen, immer mehr, immer mehr, jetzt müsste der Andere einen halten, wenn er einen jetzt nicht hielte, dann würde man stürzen, unrettbar, in den Abgrund, dann wäre alles vorbei. Ein paar Sekunden Stille. Er hatte sich eine Zigarette angezündet, den ersten Zug gemacht. Und dann hatte er geantwortet, auf seine Art, mit monotoner, abwesender Stimme und ohne jeden Ausdruck eines Gefühls: „Gut. Aber wenn du gehen willst, aber dann tu es bitte auch zügig. Es kann ja so schwer nicht sein, eine Wohnung zu finden.“ Und sie war gestürzt. Er hatte sie nicht gehalten, hatte dicht bei ihr gestanden, den Abgrund gesehen, ihn sehen müssen, aber er hielt sie nicht. Ihr war, als ob er sie noch gestoßen hätte, im Vorübergehen, beiläufig, wie ein lästiges Hindernis. Warin war sprachlos gewesen. Seine Worte waren schlimmer als alle Enttäuschung, alle Zurückweisung, alle Demütigung. Es war ihm vollkommen egal. Sie war ihm egal. So sehr, dass er selbst bei ihren schlimmsten Auseinandersetzungen, wenn sie sich aus Leibeskräften angeschrieen hatten, nie ausgerufen hatte, sie solle doch gehen, er wolle sie nicht mehr sehen, aber jetzt, wo sie ihm ankündigte, ihn zu verlassen, tat er, als ginge ihn das weiter gar nichts an, hätte es überhaupt nichts mit ihm zu tun: Sie will gehen, gut, nur dann bitte schnell. Als ob sie gehen WOLLTE! Hatte er überhaupt je auch nur das Geringste begriffen? Was war sie für ihn? Mit einem enerviert resignierten Satz stopfte er alle Gefühle, alle Verzweiflung, alles, was sie erfüllte und zerriss, einfach in sie zurück, so, als wäre er der Letzte, der damit auch nur das Geringste zu tun hatte und deshalb nicht davon behelligt werden wollte. Wenn sie gehen wollte, gut, kein Problem, aber bitte schnell und geräuschlos. Sie hatte sich umgedreht und die Wohnung verlassen, so wie sie war, voller Worte, die ihr nicht einfielen, voller Tränen, die ihr nicht kamen, voller Wut, die kein Ventil fand, fassungslos, überwältigt, wie davon gescheucht. Aus Kapitel „Karl 1“: Karl und Paul empfinden eine Geborgenheit, wie sie nur Kinder empfinden können, die Geborgenheit im Augenblick, das Glück, einfach nur dazusein, jetzt und hier. Das Leben ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise, die Welt voll von Schätzen, die gefunden und bestaunt werden wollen. Es gibt soviel zu wissen und zu lernen, jeden Tag so viele Gründe zu staunen und sich zu freuen. Karl wünscht sich, dass auch der drei Jahre jüngere Paul, den er so lieb hat, all das entdeckt, was er selbst schon entdeckt hat und noch entdecken will. Karl möchte, dass er sich so über jeden neuen Tag freut, wie er sich über jeden neuen Tag freuen kann ... Nein, er wusste doch nichts und konnte nichts wissen, dass sich die Geborgenheit, die der kleine Paul jetzt, in diesem Augenblick empfand, von der seinen unterschied. Er wusste nicht, dass diese Geborgenheit, die für ihn wie ein Schiff auf einem freien, unbegrenzten und ruhigen Meer dahinglitt, für seinen Bruder eine kleine wunderbare Insel inmitten eines düsteren, bedrohlichen und aufgewühlten Ozeans war, eine Insel, die er schon bald wieder verlassen musste. Aber die kindliche Phantasie kann stark sein, verhängnisvoll stark, und der kleine Paul ließ sich wie immer nichts davon anmerken, um das Glück und den Frieden dieser Augenblicke mit seinem bewunderten großen Bruder nicht zu trüben. Auch wollte er nicht, dass Karl traurig würde. Und das würde er bestimmt werden, wenn er nur wüsste. Und die Traurigkeit würde alles überschwemmen, die kleine Insel, die herrlichen Stunden, die vielen wunderbaren Ideen und Pläne seines Bruders. Aber er wusste ja nichts ... „Also, wie ist das bei dir mit den Schutzengeln, Paul? Du machst dir ja richtig Gedanken dazu ...“ Paul erschreckt ein wenig. „Ja ... Ich meine nein ... Ich meine nur, ich glaube vielleicht, dass sie manchmal schlafen, weil sie müde sind, weil sie so viel zu tun haben und auch ´mal ausruhen müssen“, sagt Paul. „Und ich glaube, dass mein Schutzengel oft sehr müde ist und sehr viel schlafen muss ...“, fügt er so leise hinzu, dass Karl es gar nicht mehr ganz hört. Jetzt ist Karl verblüfft: „Paulchen, Paulchen, aus dir wird mal ein Filosof!“ Und Karl lacht laut, denn das gefällt ihm sehr. Paul lacht auch, aber nicht so laut und nicht aus ganzem Herzen. Auch sein großer Bruder hat keine Antwort darauf gewusst, ob die Engel oder wenigstens ein paar von ihnen nicht doch auch manchmal schliefen. Aber er will ihn nicht weiter damit bedrängen, ist froh, dass sie zusammen sind und dass sie bald, sehr bald schon Musiker sein und überall auf der Welt Konzerte geben würden. Über die Sache mit den Engeln würde er weiter nachdenken, heimlich, ganz für sich. Das ist auch deshalb besser, weil Karl sonst vielleicht doch noch darauf kommen würde, was ihn so bedrückt, was ihm so große Angst macht und was er doch nie erfahren soll. Karl darf nie traurig sein, auch nicht wegen ihm. Und Karl läuft vor ihm her, gerade so schnell, dass Paul trotz seines Humpelns, mit ihm mithalten kann. „Komm´, wer zuerst zuhause ist ...!“ Er spurtet los und Paul hinterher. Am Ende lässt Karl ihn manchmal doch an sich vorbeiziehen, nicht immer, das wäre zu auffällig, und sein kleiner Bruder soll auf die Male stolz sein, bei denen er es schafft. So laufen sie das letzte Stück durch die friedlich daliegenden schmalen Straßen nach Hause, an den geparkten Autos der Väter vorbei, und aus den offenen Fenstern der Häuser dringen Stimmen, das Geräusch klappernden Geschirrs. Vor ihrem Haus steht der kleine rotweiße Wagen des Vaters. Heute ist der kleine Paul kurz vor seinem Bruder am niedrigen Gatter, verschwitzt und völlig außer Atem, stolz. In solchen Momenten vergisst er, dass er humpelt, und er vergisst, dass er eigentlich gar nicht zu diesem Haus gehen, schon gar nicht rennen will.