Nein zu Küngs Weltethos

eine sachliche Polemik gegen politisches Moralisieren

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Deutsch601 SeitenErschienen: 2011

Diese Untersuchung bietet eine detaillierte Kritik der Thesen des sich großen Zuspruch erfreuenden Projekts Weltethos, das sich von der Auffindung gemeinsamer religiöser Grundüberzeugungen einen Beitrag zum interkulturellen Frieden verspricht. Das Ergebnis sind Nachweise frappierender konzeptioneller und politisch-ethischer Mängel der Weltethos-Texte, sicher überraschend für all die, die sich von Hans Küng das Bild machen, er sei für moderne rationale und moralische Standards aufgeschlossen. „Nein zu Küngs Weltethos“ deckt argumentative Schnitzer, grobe Ungenauigkeiten und rhetorische Winkelzüge eines Theologen auf, der seine Leser mit Kenntnissen und Zitaten zwar schier erdrückt, aber letztlich auf vordergründige Weise, wie sich zeigt. Der erste Teil des Buches „Unvernunft des Moralisten“ weist akribisch Unstimmigkeiten in den Weltethos-Publikationen nach, schon wenn man Küngs Texte nur an ihren eigenen Kriterien misst. Der zweite Teil „Unmoral des Moralisten“ beleuchtet hauptsächlich, inwiefern Küngs Weltethos-Thesen mit einem modernen menschenrechtlich orientierten Ethos unvereinbar und darum schädlich sind.Verlag: andersseitig.de12,80 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

  • Leseprobe
  • Inhaltsverzeichnis
  • g) Egozentrik der Goldenen Regel Es gibt einen weiteren Schwachpunkt der Goldenen Regel, der dafür spricht, sie gerade im interkulturellen Raum nicht zu einem Grundprinzip eines „Weltethos“ zu erheben. Dieser Schwachpunkt ist, dass man bei der Goldenen Regel von sich auf andere schließt. Was meine Erwartungen oder Wünsche sind bezüglich Unterlassungen oder Zuwendungen von anderen, wird den anderen als deren analoge Intentionen einfach unterstellt. Stattdessen ist gerade beim Zusammenleben mit Menschen ganz anderer Motivationen und Zielvorstellungen angesagt, sich erst einmal zu erkundigen, wie sie überhaupt von mir behandelt werden wollen - und eben nicht von vorneherein davon auszugehen, dass sie so behandelt werden wollen wie ich selbst. Statt der Gebote der Goldenen Regeln brauchen wir erst einmal eine Kultur des Fragens und können uns danach – aber auch nur grob und bestimmt nicht „unbedingt“ oder „unverrückbar“ – an einer Regel orientieren, die dann lautet: „Was der andere nicht will, das du ihm tust, das füg ihm auch nicht zu.“ Ich gebe ein harmloses Beispiel, das aber nicht konstruiert ist, sondern wahrhaftig: Ich möchte in Bussen und Zügen begonnene Gespräche nicht in die Länge ziehen, d.h. ich will wohl kurze Auskünfte erhalten und geben, aber mich nicht weiter persönlich unterhalten. Und längere Gespräche beeinträchtigen meine Reisequalität tatsächlich empfindlich, weil ich lieber lese oder einfach vor mich hinträume und mich dabei durch lange Gespräche erheblich gestört fühle. Doch erfahrungsgemäß ist das Kommunikationsbedürfnis von manchen Mitreisenden oft ein anderes. Sie verbringen ihre Reisezeit lieber mit persönlichem Kennenlernen oder interessanten Diskussionen. Wenn ich nun die negative Formel der Goldenen Regel als unverrückbare Grund-Weisung akzeptierte, dann wäre es mir untersagt, mich auf deren Gesprächswünsche einzulassen. Denn ich will wirklich nicht, dass man lange mit mir spricht. Umgekehrt wäre es denen nach der positiven Formel der Goldenen Regel untersagt, auf meine Ruhebedürfnisse Rücksicht zu nehmen, indem sie das begonnene Gespräch abkürzen. Denn sie wollen ja, dass man ihnen einen angenehmen Zeitvertreib mit Gesprächen verschafft, also sähen sie sich angehalten, das auch mir zu besorgen. - Es geht also zwischenmenschlich in Wahrheit meist um Fragen des Takts, wie Konfuzius uns lehren kann, weniger um Normenbefolgung. Man kann nun zwar mit etwas wie der Goldenen Regel das Gebot begründen, andere taktvoll zu behandeln. Aber ich verweise auf den oben erwähnten Unterschied zwischen Goldener Regel und kategorischem Imperativ: Die Goldenen Regeln prüfen nicht eigene Handlungsgrundsätze wie eine Takt-Maxime, sondern verbieten oder gebieten Handlungen selbst. Und da leiten sie wie im besagten Beispielfall geradewegs zu taktlosem Verhalten an, statt zu einer sinnvollen Koordination zu führen. Gerade im interkulturellen Kontext tauchen tatsächlich solche Koordinationsfragen der Art wie in meinem unverfänglichen Beispielfall auf. Die einen legen z.B. größeren Wert auf Gemeinschaftsleben, die anderen auf Privatsphäre. Das wird tatsächlich in Deutschland oft zur Tragödie, aber es ist im Grunde kein unlösbares Problem, sich unter gegensätzlich gestrickten Nachbarn darüber zu einigen, wie man des einen Wunsch nach gemeinsamen Straßenparties und des anderen Bedürfnis nach Ruhe durch beiderseitiges Entgegenkommen verbindet, etwa durch Zeitaufteilungen. Aber die Goldenen Regeln liefern einem dafür keine Handhabe, ja führten schnurstracks in die Kollision hinein, wenn man sie denn ernstnähme und allen seinen Handlungen unbedingt zugrunde legte. Diese egozentrische Schwäche der Goldenen Regeln ist hinlänglich bekannt. Sie ist sogar in Küngs eigenen Publikationen erörtert, z.B. als Einwand des Tübinger Philosophen Helmut Fahrenbach in „Wissenschaft und Weltethos“: „Die bei der »Goldenen Regel« unterstellten allgemeinen empirisch-anthropologischen Bestimmungen bleiben aber - trotz mancher Gemeinsamkeiten und Konvergenzen an Bedürfnissen, Interessen und Strebungen - letztlich kulturell, gesellschaftlich und individuell different und entsprechend relativ und variabel. Daher können sie geltungstheoretisch keine kohärente und tragfähige Bezugsbasis und Grundlage für wechselseitig gleichmäßige ethische Beurteilungen und Verpflichtungen abgeben. So wird man jemanden, um nur ein Beispiel zu nennen, der das Leben aus dem Machtwillen und als Kampf um Macht versteht, schwerlich über die »Goldene Regel« vom Gebot der Gewaltlosigkeit überzeugen und vom »Recht des Stärkeren« abbringen können, denn er akzeptiert ja seinerseits die Gewalttätigkeit der Anderen.“ (Fahrenbach in: Wissenschaft, S.396) Aus Christel Hasselmanns Dokumentation der Vorgeschichte der Abfassung der „Erklärung zum Weltethos“ des Chicagoer Parlaments der Weltreligionen geht hervor, dass Küng sogar von einem Unterstützer bereits frühzeitig auf diese Schwachstelle der Goldenen Regeln hingewiesen wurde, ohne dass Küng – wie man sich inzwischen denken kann – sich dies zur Warnung gereichen ließ: „Prof. Dr. Dr. Peter Antes, Seminar für Religionswissenschaft der Universität Hannover, teilt Küng (am 18.06. und 19.08.1992) mit, daß er dem Entwurf in allen Punkten positiv zustimme. Ihm ist wichtig festzuhalten, daß in einem modernen Rechtsstaat ein Existenzrecht für religiös Gesinnte wie nicht religiöse Menschen sichergestellt werden muß. Er ergänzt Küngs Überlegungen durch den wichtigen Hinweis, daß die Unterschiede in den Begründungen, aber nicht in den praktischen Konsequenzen für das Handeln oder die Maxime des Handels des Einzelnen liegen. Ein Problem sieht er mit der Goldenen Regel - sowohl in ihrer negativen als auch in ihrer positiven Ausformulierung. Seine Probleme entstehen daraus, daß die Bedürfnisse des anderen aus den eigenen Bedürfnissen abgeleitet werden und nicht in sich als die Bedürfnisse des anderen formuliert sind. Probleme zwischen Eltern und Kindern entstehen, so Antes, gerade dadurch, daß die Eltern das für ihre Kinder wollen und durchsetzen wollen, von dem sie glauben, daß es für ihre Kinder das Beste sei, wobei fraglich sei, ob auch die Kinder dieses für sich selbst in dieser Form wollen. Infolgedessen müsse in Bezug auf die Goldene Regel deutlich gemacht werden, "daß man vor allem dem anderen das tun soll, von dem er möchte, daß es ihm getan wird".“ (Hasselmann, S.76) Immerhin, anders als Küng in seinen Werken und Deklarationen, berücksichtigt der Wortlaut von „Brücken in die Zukunft“ diesen Einwand auf versteckte Weise. Hier wird nicht nur wie von Küng - und gerade eine Seite davor auch vom Autorengremium selbst - erklärt, in den Traditionen aller Weltkulturen sei die Goldene Regel verankert. Sondern in einer sinnvollen (aber kaum merklichen und erst recht nicht deutlich kenntlich gemachten) Sinnverschiebung wird dies nur behauptet für deren zugrunde liegendes Prinzip, nämlich das der gegenseitigen Achtung: „Unsere erlernte Fähigkeit, Klischees, Vorurteile, Hass und Gewalt in religiösen, kulturellen, rassischen und ethnischen Zusammenhängen abzulehnen, gründet sich auf den Wert der Gegenseitigkeit. Gegenseitigkeit ist ein integraler Bestandteil der Goldenen Regel und eine Handlungsmaxime, die in all unseren spirituellen Traditionen enthalten ist.“ (Annan, S.81) [...] j) Unsinn der Goldenen Regel Für Fragen des zu organisierenden gemeinschaftlichen Zusammenlebens weist die Goldene Regel einen weiteren entscheidenden Mangel auf, der symptomatisch für den ganzen Küngschen Ansatz des „Weltethos“ ist: Sie setzt voraus, dass die Interagierenden auf der gleichen Ebene miteinander verkehren, wenn nicht sogar im direkten persönlichen Kontakt. Doch tatsächlich sind sie gerade als Entscheidungsträger meist eingebunden in strukturell vorgegebene Rollen. Das Wollen derjenigen, die von den eigenen Entscheidungen betroffen sind, kann oft gar nicht als gleichrangig mit dem eigenen Wollen in dieser Stellung gewichtet werden, und zwar nicht nur aus faktischen, sondern auch aus moralisch verantwortbaren Gründen. Kant legt in der oben zitierten Fußnote deutlich den Finger in genau diese Wunde der negativen Grundvariante der Goldenen Regel, wenn er das Beispiel von Richter und Straffälligem heranzieht. Wenn der Richter selbst nicht bestraft werden will, dann dürfte er nach der negativen Goldenen Regel auch einen Schuldigen nicht aburteilen. Wenn er selbst will, dass man ihn in Freiheit leben lässt, dürfte er auch nach der positiven Variante der Goldenen Regel niemanden zu Haftstrafen verurteilen. Deswegen läuft die Anwendung der Goldenen Regel, die Küng als Beispiel für das richtige Umgehen auch von Institutionen mit Personen angibt, völlig ins Leere: „Wenn sich die römischen Behörden in der Auseinandersetzung mit dem spanischen Moraltheologen Marciano Vidal oder dem Ordensmann Balasuriya aus Sri Lanka auf diese Minimalregel beschränkt hätten, dann hätten sie anders gehandelt.“ (Wozu, S.24) Das ist wieder einmal eine der für Küng so typischen pseudorationalen „Argumentationen“, die ach so überzeugend wirken können und erst bei genauerer Betrachtung ihre Fadenscheinigkeit erkennen lassen. Ich versuche diese nötige Aufklärungsarbeit hier einmal so: Richtig mag sein, dass die kuriale Disziplinierung jener honorigen Persönlichkeiten unmoralisch war. Richtig ist sicherlich, dass die Beachtung der Goldenen Regel durch die Entscheidungsträger in der Kurie ein anderes Vorgehen erfordert hätte. Aber falsch ist die damit von Küng beabsichtige Suggestion, deswegen sei die negative Goldene Regel auch geeignet zur Anleitung von kirchlichen Amtsträgern, die richterliche oder disziplinarische Aufgaben wahrnehmen. Denn wenn dem so wäre, dann dürften diese niemals irgendeinen Theologen mit Rügen oder Lehrverboten belegen, selbst dann nicht, wenn er zum Rassenhass oder zu Mordanschlägen auf jeden Papst aufriefe. Mit Bezug auf die aristotelische Tradition könnte man den Mangel der Goldenen Regeln auch anders beschreiben: Sie liefern allenfalls einen (mit Einschränkungen) brauchbaren Hinweis auf moralisch Gebotenes hinsichtlich der Frage nach der ausgleichenden Gerechtigkeit, der iustitia commutiva der Scholastiker, die alle Menschen bezüglich ihrer Ansprüche als Gleichrangige behandelt. Aber sie ignoriert die Fragestellung der austeilenden Gerechtigkeit, der iustitia distributiva, bei der es darum geht, jedem seinen Anteil gemäß seinen Bedürfnissen und Zielvorstellungen einerseits und seinen Fähigkeiten, Stellungen und Leistungen andererseits zukommen zu lassen, die also Differenzen in der Behandlungsweise anderer erlaubt und fordert. Gerade letztere ist aber relevant bei der Abfassung von Regeln des Zusammenlebens von Menschen, die nicht unbedingt direkt interagieren, sondern eingebunden sind in gemeinsame Strukturen. Verteilungsfragen sind die relevanten Fragen gerade auf einer globalen Ebene. Dagegen sind die Goldenen Regeln als Maßstäbe, wenn überhaupt, geeignet nur für solche Fragen, bei denen ich es mit einem konkreten Gegenüber zu tun bekomme.

  • Liste der zitierten Literatur und Abkürzungen 5
    Vorbemerkung 6
    Einleitung 7
    Kritik an einem Kritiker 7
    Zur Person Küng 10
    Publikationen zum Weltethos 18
    I. Küngs Probleme mit der Wahrheit (Erster Teil) 30
    1. Der Basistext 31
    2. Doppelte Wahrheit verdreifacht 41
    3. Was wird geklärt? 54
    4. Frieden nur nach Lösung der Wahrheitsfrage? 62
    II. Küngs Verrenkungen statt Begründungen 69
    1. Religionsprivileg Moralbegründung 69
    2. Motivation gleich Grund? 78
    3. Das absolutierende Absolute 88
    4. Begründungszirkel 97
    5. Vieldeutigkeiten der Menschlichkeit 103
    6. Menschliche Fragmente 113
    7. Schweigen zur religiösen Basis 115
    8. Profane Herkunft der Küng-Idee 125
    9. Exkurs: Krypto-Aristotelismus 129
    III. Küngs Verzerrung des kategorischen Imperativs 134
    1. Autonomie-Missverständnis 134
    2. Goldene Regeln 145
    IV. Küngs Fehldeutung der Rolle der Moral 160
    1. Lösungsansatz Moralisieren 160
    2. Peinlichkeiten der Personalisierung 180
    3. Verantwortungs-Probleme 199
    4. Epochale Religionsanpreisung 206
    V. Küngs Verkennung des Pluralismus 216
    1. Unmoderne Moderne 217
    2. Stereotypen auch bei Küng 223
    3. Konflikttiefendimension Religion 245
    4. Friedenskraft Minimalgemeinsamkeit? 280
    5. Wovon Frieden wirklich abhängt 309
    Bis hierhin: ein Resümee 340
    VI. Küngs Diskreditierung der Menschenrechte 341
    1. Menschenrechte als Konfliktpotenzial? 341
    2. Verkennen des Schwächerenschutzes 362
    3. Offengehaltene Rechtsstellungen 382
    VII. Küngs uneingelöste Versprechen 403
    1. Überbietende Fundierung der Menschenrechte? 403
    2. Detailanalyse der Pflichtenerklärung 437
    3. Weltorientierung durch Banalitäten 479
    4. Dringlichkeitsalarm 496
    VIII. Küngs Probleme mit der Wahrheit (Zweiter Teil) 511
    1. Dialog um Wahrheit 514
    2. Feindbild Egoismus 536
    3. Wahrheit als Gebot 550
    Schluss 581
    Ausführliches Inhaltsverzeichnis 589