Ein Montag im Oktober

RSSEin Montag im Oktober Ein Montag im OktoberCover: Ein Montag im Oktober

Deutsch173 SeitenErschienen: 2011

Die zwölfjährige Katrin soll mit ihrer Klasse etwas über ein Denkmal herausfinden, das an Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnert. Dabei muss sie erfahren, dass Geschichte nicht nur etwas Langweiliges ist, das in Schulbüchern steht, sondern auch Familiengeschichte sein kein, Geschichte, die schmerzt. Nur zögerlich nämlich gibt Katrins Großvater zu, den sie sehr mag und der auch immer fürsorglich für sie da ist, dass er in jener Zeit Dinge getan hat, für die er sich heute noch schämt. Diese Geschichte versucht das alltägliche Grau totalitärer Alltage aufzuhellen. Das E-Book enthält außerdem die Biographie von Jürgen Jankofsky mit Bibliographie und Foto sowie die Übersicht aller E-Books von Jürgen Jankofsky. Verlag: EDITION digital Pekrul & Sohn GbRTags: DDR AutorenDDR Literatur6,99 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

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  • Über Nacht hatte es geschneit in Hohenried. Über Nacht hatte es so geschneit in Hohenried, als wolle der Winter mit Macht ein letztes Mal seine Kraft zeigen. Wie im Traum hatte Katrin gegen Morgen ein Klingeln gehört. Großvater war brummend zur Tür geschlurft. Leise Stimmen im Hausflur, eine wie die des glatzköpfigen Fahrers. Dann Gurgeln im Bad, hastiges Sachenüberstreifen, Hosentragerflappen. Leise klappte die Wohnungs-, dann die Haus-, dann eine Autotür. Ein Barkas wurde gestartet und entfernte sich aufheulend den Krankenhausberg hinauf. Wie immer wurde Katrin gegen sechs von allein wach. Kaum kuschelte sie sich schlaftrunken noch einmal ins Bett, schepperte ein Wecker los. Katrin schreckte hoch. Ein Wecker? Was für ein ungewohnt lautes Erwachen. Katrin fröstelte. Auf dem Küchentisch fand sich ein Zettel: Musste nachts weg. Habe Bereitschaft. Mach Dir bitte selbst Frühstück! Sei lieb! Opa Katrin zerknüllte den Zettel, wie sie gestern das herausgefetzte Aktenpapier geknüllt hatte. Nein! Gestern hatten ihre Hände auch schützen wollen, heute schienen sie allein sprachloser Wut nachzugeben. Der zerknüllte Zettel landete im Mülleimer. Katrin schlich ins Bad. All ihre Bewegungen schienen frostträge. Gerade noch schaffte sie es, sich zu waschen und anzuziehen. An Frühstück war nicht mehr zu denken. Nur schnell einen Keks. Schon musste sie los. Vor der Haustür wäre sie fast mit dem Nachbarn, Herr Gutjahr, zusammengestoßen, der hektisch Schnee schob. "Da denkt man nun, es wird Frühling!", schimpfte Herr Gutjahr. Wortlos stapfte Katrin vorbei. Aber sie lief nicht zur Schule. Sie lief zum Busbahnhof. Heute sollte ihre Klasse Wandertag haben. Besuch der Patenbrigade, hatte Frau Überall, die Klassenlehrerin, verkündet. Als Katrin auf die Wartehalle zueilte, streifte sie ein Schneeball. Doreen hatte ihn geworfen, krietschte auf. Ein paar Jungen seiften Doreen ein. Eine wilde Schneeballschlacht kam in Gang. Katrin tat, als bemerke sie das alles nicht. In der Halle erwartete sie Frau Überall. Katrin grüßte, doch blieb einsilbig. Frau Überall fragte nämlich, ob sie, Katrin, auch so eifrig wie Doreen bei diesem Auftrag dabei sei. Das sei ja lobenswert, vorbildlich, diese Aktivität. Warum nur habe sie gestern erst davon gehört! Doreens Vater, der Elternaktivvorsitzende, habe ihr alles erzählt und diesen Artikel aus der Bezirkszeitung gezeigt. "Ist wohl ein tüchtiger Mann, der Herr Gröger? Also wirklich, Wenn du nur halb so eifrig wie Doreen ... Und wie machen sich denn Michael und Katja aus der 6 b?" Da kurvte der Bus heran, zerhupte die wilde Schneeballschlacht. Frau Überall hatte zu tun. Vorm Werktor wartete ein Vertreter der Patenbrigade. Er trat von einem Bein aufs andere. Frau Überall lief zu ihm. Sie schüttelten sich die Hände. Nachdem die Schüler einen dichten Kreis um die beiden Erwachsenen geschlossen hatten, stellte sich der Mann als Diplomingenieur Bär vor und sagte, dass sie bei diesem katastrophalen Wintereinbruch natürlich nicht, wie geplant, den Tagebau besichtigen könnten. Dort sei jetzt niemand für eine Führung abkömmlich, im Gegenteil. Und überhaupt sei die Lage nun viel zu kompliziert. Doreen stieß Katrin an, verdrehte die Augen. Das sollte wohl heißen: Stell dir vor, schon wieder Tagebau ... Da Katrin nicht reagierte, flüsterte Doreen: "Warum bist du denn gestern abgehauen? War doch mal was anderes! Und stell dir vor, als wir gingen, kam Frau Wittenbecher angerannt!" Katrin zuckte zusammen. "Frau Wittenbecher?" "Ja", sagte Doreen, "mir schien, sie wollte Herrn Gröger was ungeheuer Wichtiges erzählen." Katrins Gesicht wurde froststarr. Doreen plapperte noch irgendwas, aber Katrin hörte es nicht mehr. Diplomingenieur Bär sagte, er habe aber einen Werkrundgang organisieren können. Der sei .bestimmt ebenso interessant. "Ganz bestimmt", sagte Frau Überall, "nicht wahr, Kinder, da freuen wir uns!" Leises Gemurmel. Frau Überall bedankte sich im Namen der Klasse. Anett, die Gruppenratsvorsitzende, überreichte einen Wimpel. Diplomingenieur Bär bedankte sich im Namen der Brigade. Dann lief er auf ein hellerleuchtetes Bürogebäude zu, Frau Überall und die Kinder hinterdrein. Unterwegs zettelte Doreen wieder eine Schneeballschlacht an. Katrin hielt sich abseits. Auch betrat sie das Bürogebäude als letzte, blickte kaum in die Zimmer mit all den Rechen-, und Schreib- und Fakturiermaschinen. Selbst in den Räumen der Patenbrigade schien sich Katrin für nichts und niemand zu interessieren. Und ebenso war es im Kraftwerk, in der Schwelerei, in den Werkstätten. Nicht einmal das ohrenbetäubende Kling-klackkling- klack der Brikettpressen schien Katrin beeindrucken zu können. Alle anderen Kinder pressten in der Brikettfabrik ihre Hände auf die Ohren, öffneten und schlossen diese Ohrenklappen in schneller Folge, kicherten und schnitten Fratzen. Katrin ließ den Lärm stumm über sich ergehen. Auf dem Weg zum letzten Besichtigungsobjekt, wie der Brigadevertreter gesagt hatte, mussten sie vor der rotaufblinkenden Bake eines unbeschrankten Bahnüberganges warten. Eine gedrungene Gruben-E-Lok zog hoch mit schneegepuderten Kohlebrocken beladene Waggons vorbei. Endlich standen sie in einer langgestreckten Halle. Überall ragten Regale voller Kisten, Rohre, Schläuche, Bleche, Werkzeuge, Farbtöpfe und wer weiß nicht alles bis unter die Decke. "Das ist unser Materiallager", sagte der Ingenieur. Die Kinder blickten sich neugierig um. Katrin wurde so bleich und steif, als wäre sie selbst der draußen herrschende Frost. Da erschien der dicke Oskar aus einer Pendeltür, stutzte und rief: "Na, wenn das keine Überraschung ist! Machst wohl einen Ausflug mit deiner Brigade, Katrin!" Er winkte den Kindern zu. Dann rief er in die Halle: "Kommt mal schnell her! Wir haben Besuch!" Verwundert blickten die Kinder Katrin an. "Kennst du den?" "Warst du schon mal hier?" "Eh, hast du die Sprache verloren!" Die anderen Kollegen aus Großvaters Brigade schlenderten heran, vornweg Magda. Nur der Großvater war nirgends zu sehen. Magda begrüßte den Vertreter der Patenbrigade und Frau Überall. Ein langer, dürrer Mann flachste mit den Kindern. Oskar fragte Katrin: "Hast du dich mit deinem Großvater inzwischen unterhalten? Hast du ihn gefragt, was früher war, was er früher war, wie das alles war?" Sorgfältig wischte er sich die Hände an einem Putzwolleknäuel. Er seufzte. "Ich sehe schon, noch immer nicht gefragt!" Der lange Dürre schien gerade einen Witz erzählt zu haben. Die Kinder glucksten, kicherten, kreischten, schienen sich gar nicht beruhigen zu können. Das riesige Lager war voll Gelächter. "Was ist denn nur los, Katrin!", sagte Oskar. "Was machst du denn für ein Gesicht! Sag doch endlich was! Oder ist dir 'ne Laus über die Leber gelaufen?" Oskar warf das Putzwolleknäuel zielsicher in einen Abfallbehälter. Wieder schien ein Witz zu Ende. Wieder dröhnte die Halle. Der Vertreter und Frau Überall lächelten höflich. Oskar beugte sich zu Katrin herab und sagte: "Kopf hoch, Mädchen! Mir wird schon was einfallen, dass dein Großvater dir deine Fragen beantwortet." Aber Katrin stand wie erstarrt. Und plötzlich wehte ein eisiger Wind in all das Lachen. Schwer fiel die Hallentür ins Schloss. Alle drehten sich um. Und da stand er - müde, abgearbeitet, Ringe unter den Augen, verfroren, Eis im Schnauzer - der Großvater. "Guck mal, Walter, Besuch!", rief Magda. Oskar klopfte Katrin auf die Schulter und raunte: "Glaub mir, auf den Großvater kannst du stolz sein. Seit der Nacht auf den Beinen draußen in Lodergast. Der wird noch zum fünften Mal Aktivist!" Die Erwachsenen gingen, den Großvater zu begrüßen. "Na endlich, Walter!" "War's schlimm?" "Komm, wärm dich erst mal!" Doreen puffte Katrin in die Seite und fragte: "Das ist also dein Opa, ja? Der aus Pelkau, ja?" Neidisch blickten die Kinder Katrin an. Doch Katrin hielt sich die Ohren zu, ganz fest, mit beiden Händen. Immer weiter aber hörte sie: stolz sein stolz sein stolz sein ... Sie kniff die Augen zusammen. Doch nun kreisten Feuerräder: Stolz sein stolz sein stolz sein ... Auf den kannst du stolz sein stolz sein stolz sein!!! Und da schrie Katrin: "Aber er ist ein Faschist!" Sogar die Brikettpressen schienen nicht mehr kling-klack zu machen, die Kohlenzüge nicht mehr vorbeizupoltern, kein Dampf vom Kraftwerk mehr in den frostigen Himmel zu zischen. "... ist ein Faschist!" Alle starrten: vom Großvater zu Katrin, von Katrin zum Großvater. Der schluckte. An seinen Schläfen pulsten blau die Adern hervor. Er schluckte noch einmal, doch dieser Brocken war zu groß! "... Faschist!" Und da stürzte der Großvater vor, stürzte wie blind vor und schlug zu. Rechts, links, rechts. Alle standen wie erstarrt. Dann lag eine tiefe traurige Stille über der Halle. Die große Tür fiel schwer ins Schloss. Und Katrin lief. Lief und lief ... unerreichbar jetzt ... wer weiß wohin.