Spur der Steine

Roman

RSSSpur der Steine Spur der SteineCover: Spur der Steine

Deutsch820 SeitenErschienen: 2012

Geld, Frauen und das Gefühl, ein Herrscher zu sein auf dem Bau: Das vor allem gehört zum Bild vom angenehmen Leben für den unruhig von Baustelle zu Baustelle streunenden Glückssucher Hannes Balla. Er rebelliert, trumpft auf, wehrt sich: gegen die Anweisungen der Bauleitung, die Forderungen der Partei, gegen sein Gefühl für Katrin Klee, die junge Diplomingenieurin, gegen Horrath, den neuen Parteisekretär von Schkona.
Und doch beginnt er zugleich an der Gültigkeit der lange gehegten Glücksideale zu zweifeln. Mehr und mehr ist er vor allem von Horrath und der Konsequenz seiner Haltung beeindruckt, von Horrath, der für ihn dem Bezirkssekretär gegenüber eintritt und sich nicht scheut, für das einmal als richtig Erkannte sogar eine Parteistrafe auf sich zu nehmen. So sind Ballas Rebellionen, ja sogar sein Schkonaer Streik nur Stationen der konsequent und mit all ihren Widersprüchen gezeichneten Entwicklung eines Menschen, der zur Erkenntnis seiner selbst und seiner Position in der Republik kommt.
Und doch ist das keimende Freundschaftsverhältnis zwischen Horrath und Balla bedroht: Horrath scheint ein Doppelleben zu führen. Er weiß in seine persönlichen Beziehungen keine Ordnung zu bringen. Er vermag sich weder für Katrin Klee, die von ihm ein Kind erwartet, noch für seine Frau Marianne zu entscheiden.
Wie wird sich Balla verhalten, wie Horrath? Wie entscheidet die Partei, nachdem bekannt wird, dass Horrath sie bewusst irregeführt, dass er geheuchelt, kein Vertrauen zu den eigenen Genossen gehabt hat?
Erik Neutschs Buch führt mitten hinein in die Diskussionen um die Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der DDR, um Moral, Ökonomie, Kultur. Es stellt Fragen und zwingt den Leser zur ständigen Auseinandersetzung.
Mit seinem großen Komplex von Konflikten und überzeugend gestalteten Charakteren wird es zugleich zur erregenden Widerspiegelung der Entwicklungsetappe in den 1960er Jahren.
Erik Neutsch erhielt für dieses 1964 erschienene Buch den Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR. Frank Beyer verfilmte das Buch bei der DEFA. Der Film mit Manfred Krug und Eberhard Esche wurde zu den Arbeiterfestspielen im Juni 1966 in Potsdam uraufgeführt und begeistert aufgenommen. Auf Betreiben des Zentralkomitees der SED lief der Film nur wenige Tage, danach verschwand er bis Ende 1989 im Archiv.ISBN: 978-3-86394-392-9Verlag: EDITION digital Pekrul & Sohn GbRTags: DDR LiteraturHannes BellaKatrin KleeHorrathParteisekretär SchkonaDEFAManfred KrugEberhard EscheDDR Autoren9,99 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

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  • Endlich blickte er auf, wiegte bedächtig den Kopf hin und her und sprach: "Seit Wochen verlangt man von mir nun schon eine Erklärung, lieber Kollege. Anfangs glaubte ich noch, die Angelegenheit einfach unterdrücken zu können, ich maß ihr keine Bedeutung bei. Sie entsinnen sich, wie damals, als Sie nackend auf dem Marktplatz badeten. Wieviel Überredungskünste kostete es, die Polizei zu beschwichtigen! Doch diesmal wurde die Beschwerde hartnäckig wiederholt, und ich muß nun leider einsehen, daß es ein sehr schlechtes Licht auf die Baustelle würfe, wenn ich Sie weiterhin schützte. Ich muß schon sagen, lieber Freund, Sie haben uns da in eine miserable Lage gebracht, wahrhaftig..."
    Balla begehrte auf. "Was soll das eigentlich heißen? Ich kapiere kein Wort..."
    Trutmann war ehrlich erstaunt. "Ach... Sie können es sich wirklich nicht denken?"
    "Nein."
    "Sie Unschuldsengel..." Trutmann spöttelte und zirpte vergnügt mit der Zunge. "Natürlich betrifft es die Bakelitplatten, die Sie mit einem Komplicen aus der Presserei gestohlen haben."
    Überrascht und wütend sprang Balla auf. "Was soll ich? Das soll natürlich sein? Ich soll geklaut haben?"
    "Ja."
    "Nein."
    "Bestreiten Sie es etwa?"
    Balla begriff die volle Tragweite dessen, was ihm vorgeworfen wurde. "Diebstahl...", stammelte er. "Ich und ein Dieb... Hören Sie!" Er erzählte, was geschehen war, hastig und verworren. Nur den Technischen Direktor des Chemiewerkes erwähnte er nicht.
    Trutmann blieb ungerührt. Er durfte sich nicht beirren lassen. Immerhin war er auch für die Erziehung verantwortlich. "Nun ja", sagte er. "Ihre Motive in Ehren. Es mildert die Umstände, daß Sie nicht aus Eigennutz gehandelt haben, sondern das Bakelit für die Schalttafeln verwenden wollten. Aber, aber... Vergehen am Volkseigentum bleibt Vergehen am Volkseigentum. Oder haben Sie etwa eine Genehmigung gehabt?"
    "Ja."
    "Wie... Von wem?" Trutmann kramte ein Schriftstück hervor und las nach. "Von diesem Pätzoldt wohl, oder?"
    Es klang verächtlich, und Balla antwortete schroff: "Ich sag es nicht. Ihnen jedenfalls nicht. Ich reiß keinen rein. Vielleicht sag ich es Horrath. Der ist nicht von Anfang an überzeugt, daß ich geklaut hab..."
    Balla konnte nicht ahnen, daß er mit dieser Auskunft den Oberbauleiter tief in seiner Eitelkeit verletzte. Es wirkte, als hätte er nun doch mit der Faust auf den Tisch geschlagen, Trutmann spürte die Mißachtung seiner Person, seiner großzügigen Güte. Mit aller Deutlichkeit mußte er dem Brigadier zeigen, daß nur er über ihn zu befinden hatte, niemand anders. An seine Rivalität mit Horrath erinnert, geriet er in Zorn und drohte: "Für Disziplin und Moral auf der Baustelle zu sorgen, obliegt allein der Oberbauleitung. Das sollten Sie wissen. Und da es mit beidem ohnehin nicht am Wasserwerk zum besten bestellt zu sein scheint, muß ich mir wirklich überlegen, ob auch Sie noch für ein derartiges Objekt taugen."
    Balla ging bis dicht an den Schreibtisch heran. Drohungen schüchterten ihn nicht ein. Im Gegenteil, sie reizten ihn am meisten. "Heraus mit der Sprache! Los!" sagte er, völlig respektlos. "Was das heißt, will ich wissen... Jetzt, da wir bald über den Berg sind..." Nach all den Erlebnissen war ihm die Chemikalienstation, ohne daß er sich dessen bewußt geworden war, ans Herz gewachsen. Er hätte es jetzt merken müssen, wenn ihn seine Wut nicht erneut daran gehindert hätte.
    Trutmann ertrug nicht, daß Balla vor ihm stand. Er erhob sich ebenfalls. "Ich verbitte mir Ihren Ton..."
    Erbost gab Balla zurück: "Und ich verbitte mir, daß Sie mich einen Dieb nennen."
    Trutmann schrie: "Ich lasse Sie von der Baustelle entfernen!"
    "Abservieren, was? Strafversetzen wie die Ingenieurin, wie?" Balla verteidigte sein Recht. Er tat es, wie er es gewohnt war. Er tastete nach dem Hammer im Gurt. "Aber mit uns springen Sie nicht so um. Die Chemikalienstation ziehen wir hoch. Ich bleibe... Und die Ingenieurin bleibt auch... Ende."
    Was selten geschah, Richard Trutmann verlor jede Beherrschung. In seiner Not suchte er nach einem Halt. Er stemmte sich zu voller Größe auf und umklammerte die Kante des Schreibtischs. Er schnappte nach Luft und ließ sich hinreißen. "Halten Sie den Mund!" brüllte er. "Sie... Sie Lümmel!" Dabei hob er mit beiden Händen den Schreibtisch an, als wollte er ihn umstürzen.
    Streit mit den Fäusten war Ballas Stärke. Er hob den Tisch von der anderen Seite an. Das schwere Möbel schwankte unter ihren Händen hin und her. Balla dachte: Dir geb ich's, wie ich's noch keinem gegeben hab. Und wenn du der Minister wärst, beleidigen laß ich mich nicht... Die Fältchen um Augen und Mund spreizten sich vor Angriffslust. "Von Ihnen laß ich mir gar nichts verbieten."
    Der Tisch entglitt Trutmanns Händen. Krachend schlug das Holz auf die Dielen. Der Oberbauleiter hatte mit einem solchen Widerstand nicht gerechnet. Ernüchtert zweifelte er, ob er der Mahnung Horraths gefolgt war: Mach deine Sache gut... Erschöpft sank er in seinen Sessel, stöhnte und fuhr sich mit der Hand zur Brust. Die Zornröte seines Gesichts war einer plötzlichen Blässe gewichen. Schweißperlen traten aus den Poren der schlaffen Haut.