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hs-LiteraturverlaG, 2007
Spannung ohne Krimi, wie die Autorin Panikattacken und Impotenz, verursacht durch ungelöste Mutterbindungen, entlarvt und entschärft. Leicht erotisch.
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Emmy ist eine der Frauen, die mit ihrem Leben rundherum zufrieden sind: Ein freundlicher Ehemann, eine wohlgeratene Tochter, keine finanziellen Probleme, alle sind gesund.
Als sie von ihrer Silberhochzeitsreise zurückkehrt, bekommt Emmys heile Welt Sprünge durch Panikattacken und schizophrene Begegnungen. Ihr Haushalt wird zur Belastung, ihr Ehemann versteht sie nicht mehr und ihre Tochter lebt ihr eigenes Leben.
Emmy zieht sich immer weiter zurück, wagt sich fast nicht mehr aus dem Haus, wird immer kommunikationsloser. Ihre Tage bekommen einzig Qualität durch die Zuneigung eines jungen Mannes, der ihr Sohn sein könnte.
Das Aufleben erotischer Ansprüche, von denen sie glaubte, diese bereits hinter sich gelassen zu haben, stürzt sie in zusätzliche Konfusion.
Sie wählt den Weg in eine Therapie. Mit Hilfe ihres Therapeuten und ihrer Freundin Lena Rotwald gelingt es ihr, das Chaos in ihrem Inneren zu bewältigen und die Entscheidung für ihren weiteren Lebensweg eigenverantwortlich und selbstliebend zu treffen.
Ungelöste Mutterbindungen sind der rote Faden, der sich durch diesen Roman zieht. Emmy begreift, dass die längst gelöst geglaubte Bindung zu ihrer Mutter noch immer besteht, ihr Sexualleben beeinflusst und ihr Dasein bestimmt.
Und sie muss lernen, mit der Rolle der Ersatzmutter im Leben des Mannes, den sie liebt, umzugehen.
Leicht erotisch
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»Herzlich willkommen, ich bin Annelies. Ich hoffe, ihr werdet euch bei uns wohl fühlen.«
Sie hatte einen feuchten Händedruck und ein unverbindliches Lächeln. Emmy ließ sie auf sich wirken und wusste, Annelies Reindl würde ihr wohl keine brauchbaren Ratschläge liefern können.
»Überhebliche Kuh«, flüsterte Ines. Und Emmys Gesicht verzog sich, als hätte sie auf einen Zitronenkern gebissen.
An der Stirnseite des Raumes waren mehrere Tische zu einer Tafel zusammengestellt. In der Mitte der Breitseite nahm nun Annelies Reindl Platz, flankiert von Irene und Martina. Die anderen Damen verteilten sich zwanglos rund um den Tisch.
Das Procedere das nun begann, kannten Emmy und Ines bereits von vielen anderen Kursen, denen sie sich im Laufe der Jahre schon angeschlossen hatten. Annelies lobte reihum die Teilnehmerinnen für ihre Gewichtsabnahmen und fragte sie um Probleme oder Anregungen.
Emmy merkte, wie es ihr unbehaglich zumute wurde. Sie unterdrückte ein Gähnen. Sie langweilte sich und die Luft im Raum wurde von den seltsamen Gerüchen, die manche der Anwesenden ausströmten, auch nicht besser. Das Ambiente legte sich ebenfalls auf ihren Gemütszustand. Ein kahler großer Raum, mit einfachen Stühlen und einigen Möbelstücken, die an die Fünfziger erinnerten. An der Wand, die den Fenstern gegenüberlag, hingen Fotos aus dem Kirchenjahr, die Emmy aber von ihrem Platz aus nicht genauer erkennen konnte.
»Manuela!« drang es, vermutlich verzögert, in Emmys Gehirn. Im gleichen Augenblick spürte sie einen kleinen Stoß von Ines. Sie zuckte zusammen und sah etwas konfus auf Annelies.
»Magst du uns ein bisschen etwas über dich erzählen?«
»Was wollt ihr wissen?« fragte Emmy.
Annelies lächelte.
»Was willst du erzählen? Vielleicht ein bisschen darüber, wie du lebst. Hast du Familie? Beruf? Oder wieso du zu uns gekommen bist?«
Na, weil sie abnehmen wollte. Warum sollte sie sonst da sein? Ha?
»Ich bin achtundvierzig Jahre alt, ein Meter siebzig groß, heute zweiundneunzig Kilo schwer, seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet, immer mit dem gleichen Mann...« Sie zwinkerte erklärend. »... habe eine Tochter mit vierundzwanzig, die nicht mehr zu Hause wohnt, keine Enkel, nicht einmal noch einen Schwiegersohn und arbeite als Buchhalterin in der Firma meines Mannes. Ich habe in meinem Leben vermutlich schon dreihundert Kilo abgenommen und dreihundertfünfzig wieder zu. Diesmal möchte ich abnehmen, bevor ich noch mein persönliches Höchstgewicht erreiche. Meine Freundin Ines hat dich im Fernsehen gesehen und fand, dass du die Richtige für uns bist, um uns auf den Weg der Tugend zu führen.«
Die Damen lächelten und nickten wissend. Annelies sah Emmy, die ihr genau gegenüber saß, abschätzend an.
»Fühlst du dich wohl?« fragte sie plötzlich.
Emmy setzte sich kerzengerade auf.
»Was meinst du? Jetzt?«
»In deinem Leben, meine ich.«
Eh?
Emmy war ein wenig aus der Fassung gebracht.
»Ich habe einen lieben Mann, eine wohlgeratene Tochter, keine großen finanziellen Sorgen und bin Gott sei Dank gesund.«
Annelies lächelte leicht, mit einem Lächeln von dem ihre Augen jedoch nicht viel wussten.
»Das habe ich nicht gefragt!«
Wie bitte? War sie in eine Gruppentherapie geraten?
»Ja!« rief sie. »Ja, ja!«
Annelies lächelte unverändert und die anderen tauschten untereinander Blicke, die Emmy sehr wohl registrierte. Ines nahm unter dem Tisch ihre Hand und drückte sie beschwörend. Sie fürchtete wohl, dass Emmy nun gleich explodieren würde.
Doch Emmy hatte sich bereits entschieden. Dieser Kuh würde sie hier keine Show liefern. Die war ihr eindeutig geistig zu blass dafür.
Sie gab ein Lächeln zurück, das ihre Amüsiertheit ausdrücken sollte und schwieg.
Aus der Tiefe dieses Schweigens jedoch löste sich das erste Ja und wurde immer lauter, immer mehr stürzten nach und in ihrem Kopf hallte es von allen Wänden: Ja, ja, ja …
Sie erstarrte und schloss erschreckt die Augen.
Und da war sie wieder. Die Dicke mit der Fröschchen-Hose.
Sie schnaufte und keuchte und zeigte mit einem wurstigen Zeigefinger auf Emmy.
»Sie will immer nur gut dastehen«, schrie sie.
Emmy riss die Augen wieder auf, alles drehte sich um sie und der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie wollte schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen, sie hielt sich mit beiden Händen am Tisch fest und langsam kehrte das Gesicht von Annelies wieder in ihr Blickfeld zurück.
Worte schwammen in einem Meer aus Lärm. Tauchten immer wieder kurz auf und wurden von der nächsten Welle schon wieder verschluckt. Sie konnte sie nicht zuordnen, obwohl sie krampfhaft versuchte, auch nur eines zu verstehen.
Das Rot von Annelieses Mund loderte und tanzte unmittelbar vor ihren Augen, sie hatte das Gefühl, als würde Annelies sie gleich in die Nase beißen. Auch die Bilder an den Wänden hinter Annelies rückten immer näher. Ihre Farben waren so grell, dass Emmy wieder die Augen schloss. Doch hinter ihren Lidern erwartete sie ein schlammiges Grau, das wie ein Sumpf schwankte, Strudel begannen sich zu drehen und Emmys Mund füllte sich mit einer klebrigen Masse.
Sie riss die Augen wieder auf und begann konzentriert zu atmen.
»Ein - aus, ein - aus, ein - aus«, schrie sie sich selber zu, über den Lärm in ihrem Kopf hinweg.
»… glücklicher Single«, schwankte es an ihr Ohr. »Ich bin doch nicht der Dienstbote eines Mannes. Einfach machen können, was ich will ...«
Ines. Das war sicher Ines. Niemals zuvor war Emmy so froh gewesen, ihre Stimme zu hören.
Emmy konzentrierte sich wieder aufs Atmen und versuchte, sich von den Farben nicht beeindrucken zu lassen. Zumindest schien die Umgebung wieder stabil, wenn auch noch immer alles viel lauter und greller war als sonst.
»… muss nicht fragen, wenn ich mir einen Pullover kaufen möchte ...«
Wieder begrüßte Emmy Ines Stimme in sich erfreut wie nie zuvor. Ihr Herz klopfte so laut, dass es ihr unvorstellbar schien, dass es die Anderen nicht hören konnten. Ihr Blut rauschte und trommelte, sie hatte das Gefühl, es gab nicht ein Fleckchen in ihrem Körper, das sie nicht spürte.
Sie warf einen Blick in die Runde. Ja, immerhin sah sie nun auch wieder alle, wenn sie auch immer noch grotesk bunt bemalt schienen.
Plötzlich spürte sie, dass Bäche von Schweiß an ihr herunter rannen. Ihre Bluse musste klatschnass sein. Sie senkte den Kopf vorsichtig ein wenig und lockerte die Achseln. Zu sehen war nichts. Gott sei Dank!
Die Welt draußen schien sich ganz normal weiter zu drehen.
Sie merkte, dass sie schon wieder den Atem anhielt und begann erneut konzentriert zu atmen.
Auf einmal wurde es unruhig am Tisch. Sessel wurden gerückt und alle standen auf. Ines entfernte sich, mit ihrer Nachbarin plaudernd.
Emmy wippte auf ihrem Stuhl ein paar Mal hin und her, dann hielt sie sich am Tisch fest und stand auf. Sie blieb ängstlich stehen und wartete, was passierte. Aber es gab keine unmittelbare Veränderung. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und ging hinter Ines nach.
»Ich finde, hier sind alle sehr nett und den Tipp von Annelies, sich zum Fernsehen klein geschnittenes Gemüse mit Kräuterjoghurt bereit zu stellen, und immer wenn man an die Naschlade gehen will, dorthin zu greifen, den werde ich zumindest einmal ausprobieren«, zwitscherte Ines auf sie ein.
Welchen Tipp? Emmy hatte keine Ahnung, wovon Ines sprach.
»Die Zeit ist wie im Flug vergangen«, schnatterte diese weiter.
Emmy warf einen Blick auf ihre Uhr. Wie lange war sie dort gesessen? Über eine Stunde! Wo war die Zeit hingekommen? Ohnmächtig war sie eindeutig nicht geworden.
»Also, mir gefällt\'s hier«, plapperte Ines eifrig. »Ich glaube schon, dass wir hier abnehmen lernen können.«
Abnehmen lernen. Das war wohl im Augenblick Emmys allerletztes Problem. Viel mehr interessierte sie, wie sie nach Hause kommen sollte. Sie war mit dem Auto hier und musste auch noch Ines abliefern.
»Gehen wir noch auf einen Kaffee?« fragte Ines.
»Nein, ich muss nach Hause.« Emmys Stimme klang wie aus einem Schacht, aber Ines schien das nicht wahrzunehmen.
»Ja, eh klar. Der Herr Göttergatte braucht wohl jemanden, der ihm die Beine auf dem Tisch abstaubt.«
Ines schüttelte ein paar Hände, Emmy stand stocksteif neben ihr und horchte in sich hinein. Annelies trat auf sie zu und ihr Lächeln traf Emmy wie ein Schneeball.
»Nun, wie hast du dich bei uns gefühlt?«
»Danke, gut«, antwortete Emmy hölzern und wandte sich ab. Um mit Annelies weiter zu sprechen, fehlte ihr jetzt eindeutig die Kraft. Wo war Ines?
»Wir gehen noch ins Cafe«, eröffnete ihr diese. »Irene wohnt gleich bei mir um die Ecke, die nimmt mich dann mit. Schönen Gruß an Wolfgang.« Sie küsste Emmy auf beide Wangen und war schon wieder bei der Schar.
Langsam ging Emmy zu ihrem Auto. Sollte sie fahren? Konnte sie fahren? Die Welt war nun wieder stabil, vielleicht noch etwas lauter als üblich und die Farben wohl noch etwas kräftig, aber das unangenehmste war nun die Anspannung, unter der sie stand. Sie zitterte und bebte, doch als sie die Hand hob, sah Emmy, dass diese vollkommen ruhig war. Sie setzte äußerst bedacht einen Fuß vor den anderen und ließ sich dann in ihren Autositz fallen. Wie ein Automat startete sie den Wagen und fuhr mit äußerster Konzentration los. Nach der dritten Kreuzung merkte sie auf einmal, dass der Anfall komplett vorüber war. Sie konzentrierte sich weiter auf den Verkehr und als sie zu Hause ankam, war der Spuk vorbei.
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