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Zum Dorf der alten Krähe
Während ich das Kanu bepackte und mich paddelfertig machte – kurze Hose und T-Shirt und das Anfang September knapp 20 Kilometer unterhalb des Polarkreises – flog ein Adler vorbei, was mir am Eagle River nur natürlich vorkam. Um 16 Uhr paddelte ich bei strahlendem Sonnenschein los, doch auf dem Fluss wehte ein kühler Wind. Dessen Wasser war ein wenig trüb, voller Sand und nicht besonders hoch. Vor allem in den langen Kurven musste ich meine Linie genau wählen, um nicht aufzusetzen. Die Strömung war kaum der Rede wert.
In der Luft und auf den Baumwipfeln sah ich oftmals Falken. Waren das die seltenen Wander- oder Gyrfalken, die in dieser Gegend vorkommen sollten? Ich entdeckte außerdem gefällte Bäume und wunderte mich, ob es hier noch Biber gäbe. In dem Augenblick tauchte unmittelbar vor mir einer auf, fast um zu sagen: „Ja, du Döspaddel, hier gibt es noch Biber!“ Wesentlich stärker als sonst erfasste mich die unglaubliche Stille, allein auf dem Fluss. Wahrscheinlich weil ich noch nie so hoch im Norden gepaddelt war. Ich ließ mich auch mal treiben und landete dabei am Ufer an. Dort sah ich einen Marder entlang laufen. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill und bewegte mich erst, als er mir fast ins Kanu sprang.
Gegen 19.30 Uhr erspähte ich einen geeigneten Platz zum Zelten. Es wurde schon merklich früher dunkel, als in Dawson City. Ruckzuck stellte ich meine Dackelgarage – das Ein-Mann-Zelt – auf, die ich mitgenommen hatte, weil meine Zuladung beim Rückflug von Old Crow, dem Ziel dieser Kanutour, beschränkt war. Holz suchen, Feuer machen, kochen – endlich allein und ohne Gruppe mit dem Kanu in der Wildnis. Gerade als ich mit den Camparbeiten fertig war, begann es zu regnen, so dass ich mich ins Zelt verzog.
Adler und Elche
Recht früh paddelte ich am nächsten Morgen los. Die Stille wurde nur von meinen Paddelschlägen unterbrochen, manchmal durch das Rauschen in den größtenteils mickrigen Bäumen und des Wassers an Engstellen. Ich traf auf keine Exemplare der Gattung homo sapiens, was mir nur Recht war. Der tägliche Patrouillenadler des Eagle River überflog mich. Wegen geringer bis gar keiner Strömung konnte ich mich kaum treiben lassen, da mich der Gegenwind dann zurück trieb.
In einer Innenkurve entdeckte ich zwei Elche. Ganz leise und sachte paddelte ich außen durch Bäume verdeckt an ihnen vorbei und legte dahinter an. Im Schutz einiger Bäume schlich ich mich bis auf zwanzig Meter ran. Es war eine Elchkuh mit einem schon großem Kalb. Die hatten wohl noch nicht allzu viele Menschen gesehen, denn als ich näher ran ging, glotzen sie mich erst dämlich an, um dann in aller Ruhe zu verschwindeln. Danach paddelte ich weiter bis in den Abend. Mein Camp schlug ich wie meistens am Eagle River am linken Ufer auf, verrichtete alle Arbeiten und genoss anschließend am Lagerfeuer die Nordlichter.
Morgens war es bewölkt, es wehte ein kalter Wind und nach dem Frühstück regnete es. Also verzog ich mich noch mal ins Zelt bis kurz vor 13 Uhr. Durch diese taktisch geschickte Maßnahme konnte ich im Trockenen abbauen und los paddeln. Es war bewölkt und ab und zu fiel a bisserl Wasser vom Himmel. Dafür verschwand der Sand aus dem Flusswasser und es wurde wesentlich klarer. Ich zog gut durch, aber wegen der geringen Strömung kam ich langsamer vorwärts, als ich es gerne gehabt hätte.
„Im Land der kleinen Zweige“
Auch die Landschaft war mir zu wenig abwechslungsreich, vor allem fehlten die Berge. Hier und da stand ein Hügel, aber nix dolles. Die Vegetation war viel kleiner als an anderen Flüssen und stand auch nicht so dicht beisammen. Jetzt war ich wirklich im „Land der kleinen Zweige“, wie es bei den Indianern und Jack London heißt. Manchmal gab es Mini-Stromschnellen in Kurven, die ein wenig Zerstreuung boten. Dafür waren die Wolken verschwunden und machten strahlendem Sonnenschein Platz. Einmal beobachtete ich einen Luftkampf zwischen Falken und Raben, ansonsten hatte ich das Gefühl, allein auf der Welt zu sein hier wohl stärker, weil ich nicht vermuten konnte, dass sich im dichten Wald Hunderte von Bären tummelten und Karten spielten. Vielleicht aber auch nur, weil die Gegend einfach wirklich absolut unbewohnt ist bis auf Old Crow, der einzigen Siedlung im hohen Norden des Yukon Territoriums.
Gegen 19 Uhr sah ich einen geeigneten Lagerplatz am – natürlich – linken Ufer. Ich war recht flott mit allen Campaufgaben fertig, so dass ich Muße hatte, einen tollen Sonnenuntergang zu genießen und auf Zelluloid zu bannen. Als ich gegen 2.30 Uhr aufwachte, war „Aurora borealis“ da und mit ihm eine bittere Kälte. Es herrschte absolute Stille - herrschte im wahrsten Sinne des Wortes. Die Stille wurde übermächtig, fast greif- und sichtbar, auf jeden Fall aber fühlbar. Ich erlebte das „Schweigen des Nordens”, wie es Jack London in seinen Büchern beschrieben hatte. Die Tannen am anderen Ufer waren nur noch als Umrisse, die Hügel lediglich als dunkle Silhouetten zu erkennen. Über dem Wasser schwebten träge und ohne eine bestimmte Richtung helle Schwaden hin und her. Sie gaben dem Ganzen einen verzauberten und irrealen Touch. Erhebende Augenblicke. Ich fühlte mich eins mit der Natur und dem ganzen Universum. Etwa eine halbe Stunde turnte ich draußen rum und fotografierte, bevor es mich wieder mit aller Macht zurück in die warmen Schlafsäcke zog.
Ich wartete mit dem Aufstehen bis die Sonne mein Zelt und mich aufgetaut hatte. Bei strahlendem Sonnenschein paddelte ich allein mit meinen Gedanken über den Fluss. Ein Greifvogel kreiste weit über mir und ich träumte vor mich hin. Dort wo kleine Rinnsale in den Fluss kamen, hörte ich ein leises Glucksen. Urplötzlich stand ein kapitaler Elchbulle am Ufer, doch er war verschwunden, bevor ich mit meiner Kamera drauf halten konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell oder wo ich gerade war, denn auf eine Karte hatte ich großzügigerweise verzichtet und richtete mich nach einigen Flussbeschreibungen, die ich kopiert hatte. Es ging durch eine sonnendurchflutete, vom Herbstlaub goldgelb gerahmte Allee.
Die „Barren grounds“
Bei einer Pause lief ich einige Meter ins Landesinnere. Nur am Ufer gab es richtige Bäume von maximal etwa fünf Metern Höhe. Nachdem ich einen etwa 15 Meter breiten Streifen hinter mir hatte, schaute ich auf eine riesige Ebene, auf der sich vereinzelt verkrüppelte Nadelbäume verloren. Ein richtiges Einödland sind diese so genannten „Barren grounds“, das Land der Karibus. Der Boden ist feucht und überall wachsen Moose und Flechten zwischen dem Gras. Gäbe es nicht den Permafrostboden, würde hier kaum etwas wachsen, da das wenige Regenwasser sonst schnell im Boden versickern würde. In einigen Gebieten gibt es weniger Regen als in der Sahara.
Ich paddelte weiter. Ganz in der Ferne am Horizont sah ich Berge. Das müssten die Richardson Mountains sein. Wie oftmals erspähte ich gegen 19 Uhr einen geeigneten Zeltplatz. Hier in der Wildnis, wo ich niemanden störte oder gefährdete, schoss ich zum Training auf einige Büchsen. Toll, sobald ich das alleine machte, traf ich alles. Das Abendrot leuchtete fantastisch und ich saß noch lange an meinem Lagerfeuer, das ich heute etwas üppiger brennen ließ. Und wieder waberten die Schleier der Nordlichter grünlich über den sternenklaren Himmel. Ein atemberaubendes, mich immer aufs Neue faszinierendes Schauspiel in 3D und dazu noch kostenlos. Erst die Kälte trieb mich spät in mein Zelt.
Erneut war es die Sonne am blauen Himmel, die mein Zelt auftaute. Ein weiterer Tag ereignislosen, aber nichts desto trotz wunderschönen Paddelns. Ruhe, Stille, ich war der einzige Mensch weit und breit in dieser Welt. Weiterhin so gut wie keine Strömung, selbst die Mini-Stromschnellen gab es kaum noch. Nach einer Weile schreckte ich einen habichtähnlichen Vogel mit einer Maus im Schnabel auf. Ich pausierte kurz an Land und kletterte die Böschung hoch. Erneut breitete sich vor mir eine nahezu baumlose Ebene aus. Ich setzte mich dort eine Weile hin und beobachtete alles. In rund 15 Minuten bewegt sich nichts.
Endlich Karibus
Ein paar Kilometer weiter paddelnd, entdeckte ich am Ufer drei große Karibubullen. Darauf hatte ich bei diesem Trip gehofft, nämlich einen Teil des Zugs der Porcupine Karibuherde von ihren Sommer- in die Wintergründe mitzuerleben. Nur noch etwa 126.000 Tiere ist sie stark, nachdem es 1999 noch rund 160.000 waren. Das kann eine natürliche Fluktuation sein, zum Beispiel aufgrund schlechten Wetters, aber auch auf zu starke Bejagung zurückzuführen sein. Nun, die Herde zog zu diesem Zeitpunkt erst in kleineren Verbänden umher und ich hatte es nur mit dreien zu tun. Unglücklicherweise war die Batterie der Kamera just zu diesem Zeitpunkt leer und außerdem musste ich einen neuen Film einlegen. Währenddessen schwammen die Karibus ans andere Ufer. Ich landete ebenfalls dort an und verfolgte sie ein Stück. Genau hier war der Wald jedoch wieder dichter, so dass ich sie nicht mehr entdecken konnte. Mistwald, verdammter!
Gerade als ich ablegte, erschien am gegenüberliegenden Ufer eine neunköpfige Karibuherde, Kühe mit Kälbern. Sie flüchteten zurück in den „Wald“ und ich folgte ihnen. Aber auch an diesem Ufer war er zu dicht, um etwas zu sehen, geschweige denn zu fotografieren. An den Ufern waren einige kahle Stellen im Wald, dort wo sich die Karibus seit Urzeiten ihre Wege bahnen. Bei der Rückkehr zum Kanu legte ich mich im Uferschlamm so richtig auf die Fresse. Padautz!!! Sauber, beziehungsweise genau das war ich nun nicht mehr. Ich paddelte weiter und die Richardson Mountains kamen langsam näher oder besser gesagt, ich ihnen.
Unmittelbar hinter einer scharfen Biegung des Flusses erspähte ich einen der nun rar gewordenen Plätze zum Übernachten. Sogar die Überreste eines Feuers waren zu sehen, die ersten Anzeichen, dass es außer mir andere Menschen gibt oder gegeben hat. Im Boden entdeckte ich zahlreiche Karibuspuren. Gerade als ich das konstatierte, brach am gegenüberliegenden Ufer etwas durchs Holz. Eine kleine Karibugruppe tauchte auf und schwamm durch den Fluss. Erst als sie die Mitte des hier etwa 20 Meter breiten Flusses erreichten, stand ich auf und holte meine Kamera. Einige Karibus drehten um, andere schwammen unbeirrt weiter, gingen zehn Meter von mir entfernt an Land, schüttelten sich kurz das Wasser aus dem Fell, wetzten die Böschung hoch und verloren sich im Wald. Der Himmel bewölkte sich gegen Abend, so dass es nicht so kalt wurde.
Karibu-Foto-Safari
Am Morgen sah es nach Regen aus. Da die Gegend sehr karibuergiebig schien, beschloss ich, einen Ruhetag einzulegen, um möglicherweise einige Karibugruppen beim Durchschwimmen des Flusses zu beobachten und zu fotografieren. Ich machte also Stativ und Kamera fertig und döste noch etwas vor mich hin. Kurz darauf schwamm eine Kuh mit ihrem Kalb nicht weit entfernt von mir durch den Fluss. Ich warf gerade einen Happen Futter ein, da kam die nächste Herde von zwölf Tieren. Als sie in der Mitte des Flusses waren, musste ich einen neuen Film holen und es geschah wie am Vortag: Einige schwammen weiter und gingen nicht weit entfernt von mir an Land, der Rest schwamm zurück und flüchtete am Ufer entlang. Schon etwa zehn Minuten danach kam eine neue Gruppe von sieben Tieren durchs Unterholz, schwamm durch den Fluss und an mein Ufer.
Die Zeit zwischen diesen Karibubesuchen nutzte ich dazu, Feuerholz zu machen, meine Ausrüstung zu säubern und zu flicken, Tagebuch zu führen und – man lese und staune – ein Vollbad zu nehmen. Der Fluss war recht kühl, wie ich schnell feststellte und mir machte es anscheinend viel mehr aus, als den Karibus. Aber es war ein schönes Gefühl, mal wieder halbwegs sauber zu sein. Ich paddelte zum anderen Ufer rüber, aber dort sah es auch nicht anders aus als bei mir. Also ging es wieder zurück, ich relaxte in der Sonne und wartete auf die nächsten Karibus. Doch seitdem ich das Bad im Fluss genommen hatte, kamen keine mehr. Komisch!
Schon früh brutzelte ich mir mein Abendessen. Dadurch konnte ich sogar zur Abwechslung mal Fotos vom Sonnenuntergang machen. Der fand sonst nämlich meistens genau dann statt, wenn mein Abendessen gerade fertig war – ja gut, oder andersherum – und da waren die Prioritäten klar verteilt: Essen! Auf jeden Fall spiegelten sich die herbstlich goldenen Blätter der Büsche und Bäume im glatten Wasser des Flusses. Der einzige Vorteil davon, keine Strömung zu haben.
Die Route von Berthold Baumann wird fortgesetzt im Buch “Abenteuer in Alaska und Yukon” der Autoren ohne Grenzen.
| Menschen im Thermalbad | 5
| | Alaska – Iris Abt |
| | Jagdfieber | 14
| | Yukon Territory – Wolf Haertel |
| | Sechs Räder für einen Highway | 29
| | Alaska – Julia Meinhold |
| | Zum Dorf der alten Krähe | 39
| | Yukon Territory – Berthold Baumann |
| | 1.500km mit dem Fahrrad durch die Wildnis | 61
| | Alaska – Gerald Stilp und Dirk Herms |
| | Huskytour | 90
| | Yukon Territory – Thomas Thamm | |
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