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Auf dem Dach der Welt
Schwangere dürfen die Höhenmarke von 2000 Metern nicht überschreiten, da die dünnere Luft und die dadurch bedingte schlechtere Sauerstoffversorgung Auswirkungen auf das ungeborene Leben haben könnte, heißt es in einem der Bücher, die wir über Schwangerschaft und Geburt gelesen haben. Nun hängen wir über den Karten und schauen nach, ob wir dort, wo wir hin wollen, auch hinfahren dürfen. Schließlich befinden wir uns in Nepal, dem durchschnittlich am höchsten gelegenen Land der Erde. 62 Prozent der Fläche dieses Gebietes liegen auf über 1000 Metern, 28 Prozent auf über 3000 und zehn Prozent sind auf über 5000 Metern ganzjährig von Schnee bedeckt. Das auch als „Dach der Welt” bezeichnete Land beheimatet allein neun Achttausender und den mit 8848 Metern höchsten Berg der Erde - den Mount Everest. Zurzeit sind wir noch im Terai, der lediglich auf 70 Metern über Normalnull liegenden Ebene, die unmittelbar an Indien grenzt. Unser Ziel ist Kathmandu, die Hauptstadt des Landes, die in einer Talsenke - dem Kathmandu-Valley - gelegen mit 1200 Metern über dem Meeresspiegel von uns bedenkenlos angefahren werden kann.
Der Countdown zur Entbindung läuft! Es sind noch 56 Tage bis zum errechneten Termin, und wir sind noch immer nicht in der Stadt angelangt, in der wir planen, unser Kind zu bekommen. Ich bin nervös. Die erste Nacht in dem hinduistischen Königreich direkt im Grenzort Nepalganj liegt hinter uns. Wir sitzen in der morgendlichen Sonne vor dem Hotel „Oasis Inn”. Noch sind wir uns nicht einig, auf welchem Weg wir nach Kathmandu fahren wollen. Nicht, dass es so viele Möglichkeiten gäbe, denn in Nepal finden sich nur wenige gut ausgebaute Straßen. Doch Carsten hat die Idee, zunächst noch den entlegeneren, nicht auf unserer Route liegenden „Royal Bardia National Park” im Südwesten des Landes aufzusuchen. Ich bin dagegen und möchte lieber den sich auf unserer Strecke befindlichen „Royal Chitwan National Park” anfahren. Mir sind Carstens Beweggründe völlig klar. Der „Bardia” ist der größte Nationalpark im Terai, der zudem über etwa 1000 Quadratkilometer fast unberührten Dschungel verfügt und deshalb noch abenteuerlicher erscheint. Aber mir ist das zurzeit vollkommen egal. Ich will auf dem schnellsten Wege nach Kathmandu, eine Wohnung finden, den Arzt/die Ärztin und die Hebamme kennen lernen, das Krankenhaus sehen und mich in Ruhe auf die Geburt vorbereiten. Vor allem möchte ich auch raus aus dem Auto. Mir fällt es inzwischen schwer, durch die Seitentür in den „Hesebeck” einzusteigen, und ich quäle mich geradezu auf unser Hochbett. Ich setze mich durch, und unser nächstes Ziel ist der Chitwan National Park.
Bereits in den indischen Dörfern, die wir vor ein paar Tagen durchfahren haben, sind uns vereinzelt bunt bemalte Gesichter der Kinder und Jugendlichen aufgefallen. Auch die Anzahl der Marktstände, die buntes Farbpulver (gulal) verkaufen, hat rapide zugenommen. Heute, an unserem ersten Tag in Nepal, fahren wir parallel zur indischen Grenze Richtung Osten. Noch in Nepalganj geraten wir in die ersten Straßenblockaden nepalischer Schulkinder, die - mittlerweile selbst bunt wie Paradiesvögel - uns mit Farbbomben bewerfen. Auf eigens für diesen Tag gedruckten T-Shirts lesen wir: „Holi Hai!” - Es ist Holi! Dieses in Indien und Nepal an einem gesetzlichen Feiertag zelebrierte Fest ist eines der bedeutendsten der Hindus überhaupt. Jedes Jahr zum Vollmond im Februar/März finden die ausgelassenen Feierlichkeiten statt, die den Frühlingsanfang markieren und damit die heiße Jahreszeit einläuten. Da es unter klimatischen Gesichtspunkten in Südindien kein Winterende zu zelebrieren gibt, ist Holi im Norden des Landes und in Nepal weitaus verbreiteter. Wir haben an diesem Tag großen Spaß mit Kindern, aber auch mit vielen Erwachsenen, die sich das Kindliche in ihrem Gemüt haben erhalten können. Der „Hesebeck” wird von allen Seiten „bombardiert” und Carsten ist chancenlos, als er gegen Mittag an einem kleinen Straßenstand Obst kaufen will. Eine Gruppe buntscheckiger Halbwüchsiger seift ihn mit Farbpulver und Wasser ein, bis er kaum noch aus den Augen schauen kann. Während der Fahrt platschen immer wieder Farbbomben - mit Wasser und Farbpulver gefüllte Luftballons - durch den noch offenen Fensterspalt und ergießen sich über mich. Wir haben Spaß dabei. Uns gefällt das ausgelassene Fest, wenn auch zunehmend betrunkene Jugendliche zur Feier des Tages den „Hesebeck” auf einigen Streckenabschnitten mit Schlagstöcken attackieren und wir vor allem um unsere Windschutzscheibe fürchten. Gegen Abend sind wir über und über mit rotem, blauem, grünem und pinkfarbenem Pulver bedeckt, und auch eine weitere Reifenpanne kann unsere beschwingte Stimmung nicht ändern. An unserem idyllischen Schlafplatz nahe eines kleinen Flüsschens schrubben wir uns gegenseitig ab.
Nepal befindet sich mit seinen 24 Millionen EinwohnerInnen eingeschlossen zwischen den beiden bevölkerungsstärksten Ländern der Erde, Indien und China. Mit 147 000 Quadratkilometern Fläche ist es 22-mal kleiner als Indien (ungefähr so groß wie die Schweiz und Österreich zusammen). Das einzige hinduis¬tische Königreich der Erde, das zu den zehn ärmsten Ländern der Welt gehört und nach Afghanistan das zweitbedürftigste Land Asiens ist, hat als einziger Staat überhaupt den Hinduismus als Religion in seiner Verfassung verankert. Der Hindu-Anteil an der Gesamtbevölkerung ist mit 89,5 Prozent sogar noch größer als in Indien. Doch trotz der kulturellen Verwandtschaft - das Wort „Hindu” bedeutet zum Beispiel auch „Inder” - ist Nepal von seinem übermächtigen Nachbarn wirtschaftlich extrem abhängig. Wie in allen „Drittweltländern” gibt es auch in Nepal eine Landflucht mit steigender Tendenz. Das Bevölkerungswachstum mit 2,6 Prozent jährlich ist enorm. Die hohe Geburtenrate (jede Nepalesin bekommt im Schnitt 4,4 Babys) erklärt sich unter anderem durch eine hohe Analphabetenrate, das daraus resultierende Nichtwissen über Verhütungsmethoden und den auf die Frauen ausgeübten Druck, möglichst viele Söhne zu gebähren.
Wir erreichen nach zwei Tagen Fahrt den Chitwan National Park, vor dem wir an einer schmalen und flachen Stelle das Flussbett des Narayani Rivers mit dem „Hesebeck” durchqueren müssen. Ehrlich gesagt stockt uns der Atem, als wir den Wagen über den geröllartigen Boden des Flusses durch knietiefes Wasser mit starker Strömung manövrieren müssen. Ohne die Hilfe eines freundlichen Nepali, der die genaue Durchfahrtsstelle kennt, wäre uns dies wohl kaum geglückt. Das Royal Park Hotel haben wir intuitiv ausgesucht. Dass wir hier richtig sind, zeigt schon das zufällige Wiedersehen mit Arthur, einem seit 20 Jahren fahrendenOverlander, der noch in Deutschland unseren Lkw auf seine Reisetauglichkeit geprüft hat. Als wir über die Einfahrt des Hotels in den weitläufigen Garten rollen, kommt er uns grinsend entgegen. Arthur ist mit den Besitzern der Anlage - Peter und seiner tibetischen Ehefrau Sonam und deren dreijährigem Sohn Tensin - befreundet.
Nach einigen Tagen der Entspannung will Carsten den Dschungel zu Fuß erkunden und Vögel beobachten. Da für mich eine solche Tour zu anstrengend ist, buche ich eine Jeepsafari. Früh am Morgen geht es los. Mit von der Partie ist ein amerikanisches Pärchen, Kathryn und Aaron Johnson aus Boston. Beide sind wirklich nett, aber inzwischen bin ich etwas zugeknöpfter, was den Kontakt mit Leuten betrifft, die ich voraussichtlich nur ein paar Stunden sehen werde. Natürlich ziehen wir das Interesse vieler TouristInnen auf uns: eine hochschwangere Western-Frau mit drei Hunden in Asien. Schon oft habe ich bereitwillig unsere Geschichte erzählt, doch an diesem Morgen bin ich es leid, immer wieder dieselben Monologe zu halten und verhalte mich äußerst reserviert, zumal ich wegen des unwegsamen Geländes auch genug damit zu tun habe, meinen umfangreichen Leib auf der Sitzbank zu halten. Zum Glück taue ich gegen Mittag immer mehr auf, weil ich mich der den US-Amerikanern eigenen Kontaktschiene - „Wir kennen uns alle schon ganz lange” - nicht mehr entziehen kann.
Auf unserer Safari ist uns zudem das große Glück widerfahren, einem Tiger zu begegnen. Ich bin nicht, wie viele TouristInnen, mit der Erwartungshaltung losgefahren, unbedingt einen beobachten zu wollen, aber es ist dann doch ein bereicherndes Erlebnis gewesen, den König des Dschungels zu sehen. Lautlos und für den Laien ohne Weiteres nicht erkennbar, streift er durch das Dickicht. Hätte der „Guide” uns nicht flüsternd aufmerksam gemacht, hätten wir das Tier mit seinem gelbbraunweißen Fell und schwarzen Querstreifen zwischen den Bäumen und inmitten der mannshohen hellgelben Gräsern wahrscheinlich nie bemerkt. Der Bengalische Tiger, der nur den Menschen zum Feind hat und sich deshalb in sicherem Abstand zu ihm aufhält, hat unsere Witterung dagegen längst aufgenommen. Nachdem er uns eine Weile einschätzend beobachtet hat, kehrt auch „unser Tiger” uns den Rücken zu und verschwindet langsam und gemächlich im Dickicht des Dschungels. Diese asiatischen Großkatzen sind auch deshalb so selten anzutreffen, weil jedes Tier ein Areal von 30 (bei Weibchen) bis zu 60 Quadratkilometern für sich allein beansprucht. So mancher engagierte Wildlifetourist hat drei Wochen lang jeden Tag eine Safari unternommen und schließlich doch keinen Tiger - der vor allem am Spätnachmittag und in der Nacht aktiv ist - erleben dürfen.
Der Royal Chitwan National Park ist mit einer Fläche von 932 Quadratkilometern eines der größten noch verbliebenen Dschungelgebiete Nepals. Seit 1964 wird dieses Gebiet aktiv geschützt, indem schrittweise die dort lebenden Menschen umgesiedelt und 130 Wildhüter eingestellt worden sind. 1973 ist es zum Nationalpark erklärt worden und wird seitdem, wie in Nepal üblich, vom Militär bewacht. Zudem ist der Chitwan zusammen mit dem benachbarten Parsa Wildlife Reserve von den Vereinten Nationen wegen seines großen Artenreichtums der Flora und Fauna zu einer „World Heritage Natural Site”, einem „Vermächtnis der Natur an die Menschheit”, ernannt worden. Die an den Rand des Parks gedrängten und früher im Dschungel lebenden Menschen sind dagegen unzufrieden, weil sie an den durch den Tourismus entstehenden Gewinnen nicht teilhaben können. Zudem verschlingen die im Chitwan geschützten Tiere häufig Großteile der Ernte. Hinzu kommt, dass immer wieder Menschen getötet werden. So zum Beispiel bei der jährlichen, vom Staat erlaubten dreiwöchigen Grasschneide-Saison, bei der jeder das als Viehfutter und für Dächer verwendete, fünf Meter hohe Elefantengras umsonst ernten darf. Jedes Jahr verlieren hierbei drei bis fünf Menschen durch Nashorn-Angriffe ihr Leben.
Schon im 19. Jahrhundert sind die urzeitlichen Kolosse in Nepal vor Wilderern geschützt worden, was zunächst nur den Rana-Premiers zu Gute gekommen ist, die die Tiere lediglich für ihre eigene Jagd sichern wollten. So sind beispielsweise auf einer Jagd im Winter 1938/39 zu Ehren des Vizekönigs von Indien, Lord Linlithgow, 120 Tiger, 38 Nashörner, 27 Leoparden und 15 Bären ermordet worden. Trotz solcher Feldzüge ist die Fauna heute noch sehr mannigfaltig und auch wieder zahlreich, nachdem es vor 15 Jahren gerade noch 40 Tiger im Chitwan National Park gegeben hat. 1994 sind es bereits wieder 140. Auch die Nashorn-Population ist nach einem dramatischen Rückgang in den 60er Jahren auf 100 Tiere inzwischen wieder auf gut 600 Exemplare angestiegen. Gerade die Nashörner sind bis heute Ziel der Wilderer. Ein Gramm der zu Pulver zermahlenen Hörner bringt auf den Schwarzmärkten Hongkongs, wo es als fiebersenkendes Mittel oder Aphrodisiakum gehandelt wird, bis zu 30 US-Dollar.
Der Ausflug mit dem Jeep über die holprigen Wege des Dschungels ist in meinen Umständen grenzwertig gewesen, doch auf den Elefantenritt zu den Nashörnern will ich trotzdem nicht verzichten. Merkwürdigerweise habe ich das sanfte Schaukeln auf dem Rücken der Dickhäuter als äußerst wohltuend erfahren. Die gelehrigen indischen Elefanten sind kleiner als die afrikanischen mit ihren riesigen Ohren, wiegen dennoch bis zu sechs Tonnen. Elefanten verspeisen täglich rund 350 Kilo Futter und trinken 200 Liter Wasser. Dies ist auch der Grund, warum wir die Tour bei dem staatlichen Veranstalter buchen, da die privat gehaltenen Arbeitselefanten oft nicht ausreichend ernährt werden. Unseren Hunden sind die Rüsseltiere nur in den ersten Tagen suspekt. Die drei gewöhnen sich schnell an sie. In Deutschland haben Kühe und Pferde ihren Weg gekreuzt, im Iran und Pakistan Esel und Kamele, in Indien wieder Kühe und jetzt eben Elefanten. Wahrscheinlich könnten sie inzwischen selbst prähistorische Dinosaurier nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Auf unserem Elefantenritt begegnen wir gleich mehreren Nashörnern, die wir aus sicherer Entfernung beobachten können. Als zukünftige Eltern rührt uns vor allem der Anblick von „Mama Rhino” mit ihrem Baby, die sich stets schützend vor ihr Kleines stellt. Erst später erfahren wir, wie gefährlich die zwei Tonnen schweren Tiere, gerade wenn sie ein Baby bewachen, werden können. Die Kolosse sehen mit ihren kleinen Augen schlecht, orientieren sich stattdessen hervorragend mit dem Geruchssinn und sind trotz ihres Gewichts bis zu 80 km/h schnell. Wir werden von einem Guide gewarnt, auf keinen Fall mit unseren Hunden zu Fuß in den Dschungel zu marschieren, da das Hundegebell Nashörner reizen und zum Angriff verleiten könnte. Dass dieser gut gemeinte Rat eine Vorgeschichte hat, verrät uns der Führer nicht. Die Story, die sich nur wenige Tage zuvor im Chitwan ereignet hat, sollen wir erst in Kathmandu erfahren, als uns eine Amerikanerin mit dem schönen Namen Sunshine begegnet. Über die Hunde - Sunshine ist mit einem Hovawart namens Santos unterwegs - stellt sich heraus, dass sie das Tier nur in Pflege hat. Santos’ Besitzerinnen - Sonja und Angela aus Göttingen, mit ihrem Mercedes-Transporter wie wir über Land in Nepal unterwegs gewesen - sind nach einer lebensgefährlichen Begegnung mit einer Nashornmutter kurz zuvor nach Deutschland evakuiert worden. Die beiden sind im Chitwan mit ihrem Hund durch den Dschungel gestreift, um Krokodile zu beobachten. Allerdings hat nicht, wie wir später von ihnen persönlich erfahren, die Anwesenheit des Hundes das Nashorn gereizt, sondern es handelte sich vielmehr um eine Verkettung mehrerer Umstände. Sie haben das Tier erst bemerken können, als sie schon fast davor gestanden haben. Die Nashornkuh ist ihnen im Dunkeln in einer Kurve entgegen gekommen. Sie war genauso erschrocken wie Angela und Sonja und „ohrfeigte” (Originalton Angela) die beiden. Der Disput hat nur wenige Minuten gedauert und die Siegerin hat eigentlich schon vorher festgestanden. Wenn man bedenkt, dass Angriffe von Nashörnern für Menschen meist tödlich enden, kann man sich vorstellen, wie die beiden ausgesehen haben. Sonja hat Schnittwunden, einen tief aufgeschlitzten Oberschenkel, Prellungen, Knochenbrüche an beiden Armen und ein kaputtes Knie davongetragen und Angelas Speiche und Elle des linken Armes sind gebrochen gewesen. Knapp mit dem Leben davon gekommen, wird die Überlebenskraft der beiden in den nächsten zwei Wochen im Bir Hospital in Kathmandu und dem East-West-Medical-Centre in Delhi noch einmal auf eine extreme Probe gestellt. Wie in öffentlichen Spitälern üblich, müssen sie sich mit Essen und Medikamenten selbst versorgen, liegen in Schlafsälen mit weiteren 30 Patientinnen unter äußerst fragwürdiger medizinischer Betreuung. Sonja hat inzwischen eine lebensbedrohliche Infektion in ihrem Bein, fiebert und hat Schüttelfrost. Ihr Bein ist zur Desinfektion nur mit „Betaisodona vollgeschüttet” (O-Ton Sonja) und einfach wieder vernäht worden. Die Krankenschwester hat gemeint, das Fieber käme von der zweiten Decke, unter der Sonja auf Grund ihres Schüttelfrosts vor sich hinvegetiert hat. Die täglich versprochene Operation ist - vielleicht glücklicherweise - nie durchgeführt worden. Nach der Begegnung mit der Amerikanerin Sunshine, der wir bei der Suche nach einer Hundeflugbox behilflich sein konnten, stoßen wir noch weitere zwei Mal auf die Spuren Sonjas und Angelas. Sozusagen als Postskriptum fügen wir an dieser Stelle hinzu, dass Sonja, Angela und Santos uns nach unserer Rückkehr in Hamburg besucht haben und erzählen, was nach solch einem Erlebnis bleibt. Angela hat eine Narbe, die über den gesamten Unterarm reicht, Sonja ist froh, überhaupt wieder auf beiden Beinen stehen zu können und Santos hat von der Reise Leishmaniose - einen gefährlichen Erreger, der in die Zellen eindringt - zurückbehalten. Und dennoch, obwohl diese Erfahrung sie zunächst voneinander entfremdet hat, über Land würden sie immer wieder fahren.
Unsere Hunde leiden im Chitwan unter einem invasionsartigen Zeckenbefall, der sie trotz chemischer Parasitenkeule aus Deutschland - ein auf die Haut zu träufelndes Nervengift - und Zeckenhalsbändern heimsucht. An diesem Tag müssen wir stundenlang die krabbelnden Blutsauger entfernen, denn jeder unserer Freunde hat während des Morgenspaziergangs ungefähr 50 Zecken aufgelesen. Meine Borrelliose-Panik vor durch Zeckenbisse übertragenen Bakterien hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.
Wie immer können wir uns von schönen Orten nur schwer trennen und der Abschied vom Chitwan wird uns nicht gerade leicht gemacht. Als wir beim Verlassen des Parks wieder den Fluss Narayani durchqueren müssen, bleiben wir diesmal mittendrin stecken. Der Grund: Ein Busfahrer, der auf der anderen Seite sein Gefährt genau an der Durchgangsstelle zum Waschen in den Fluss gestellt hat. Um ihn zu umfahren, weichen wir von der bekannten Route ab und bleiben prompt in einer Untiefe stecken. Da das terrassenartige Flussbett aus Kiesel-Untergrund besteht, läuft der „Hesebeck” wegen der starken Strömung Gefahr, an einer solchen Stufe abzurutschen. Schnell muss ein Traktor besorgt werden. Die Hunde sind gezwungen, selbst an Land zu schwimmen. Ich stapfe durch das Oberschenkel hohe Wasser. Allrad betriebene Jeeps schieben sich an uns vorbei durch den Strom - ihre Fahrer kennen sich schließlich aus -, während unser Fahrzeug sich langsam seitlich dem nächsten Höhenunterschied nähert und schon eine bedenkliche Schräglage angenommen hat. Ich stehe - um unser Zuhause bangend - am Ufer, während Carsten wider Erwarten schnell einen Trecker aufgetrieben hat, der den behäbigen Lkw aus dem Flussbett zieht. Nach ein paar Kilometern Fahrt mit schleifender Bremse ist das Wasser wieder aus dem Bremssystem und wir begeben uns auf die Königsstraßen, die Nepali Rajmargs, wie die Highways in Nepal genannt werden, direkt auf den Weg nach Kathmandu.
Beim Verlassen der Terai-Ebene erzeugt der plötzlich steile Anstieg der Straße mittelschwere Angstgefühle, denn die Churia-Berge, die das Terai südlich begrenzen, reichen immerhin schon bis auf 1500 Meter. Spätestens beim Erreichen der anschließenden Mahabharat-Kette bin ich mehr als froh, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen und mein Leben den Händen waghalsig bis lebensmüder Busfahrer anvertrauen zu müssen. Dieser Höhenzug, dessen Gipfel locker 2000 und 3000 Meter erreichen, muss passiert werden, um in die dahinter liegenden Täler von Kathmandu und Pokhara zu gelangen. Der Ausblick in graue, steinige Schluchten und Flusstäler mit reißenden Gewässern eröffnet uns plötzlich eine ganz neue Welt, die unerreichbar und unentdeckt geblieben zu sein scheint. An manchen Hängen angelegtes terrassenförmiges Ackerland straft diese Vermutung allerdings Lügen. Immer wieder erreichen wir in dieser Natur der Urgewalten wie zum Trotz errichtete kleine Siedlungen oder auch nur ein paar Hütten aus Holz und Wellblech ohne Strom und Wasseranschluss. Das Land ist arm. Die Menschen haben eine ganz eigene Ausstrahlung. Die Gesichter mit den hohen Wangenknochen und den schönen Augen blicken mit stolzer Zurückhaltung. Wir mögen diese Leute. Unser Eindruck der ersten Tage bestätigt sich. Hier fühlen wir uns wohl. Ob wir hier unser Baby bekommen wollen, steht dagegen auf einem anderen Blatt.
| Karte: Der Landweg nach Indien | 6
| | Prolog | 7
| | 1. | Die Idee: Wir planen ein Abenteuer | 9
| | 2. | Reisevorbereitungen – “Ab Mitte Türkei bist du nie mehr allein!“ | 11
| | 3. | Welcome to Asia – Willkommen auf dieser Welt | 20
| | 4. | Salam aleikum – Friede ist mit uns | 29
| | 5. | Pakistan – Das härteste Stück Strecke | 41
| | 6. | Endlich am Ziel – I love my India | 59
| | 7. | Rajasthan – Zu Besuch im Märchenland? | 80
| | 8. | Goa Noa | 102
| | 9. | Im Auftrag des Babys unterwegs | 122
| | 10. | Auf dem Dach der Welt | 146
| | 11. | Geburtsort Bangkok | 169
| | 12. | Namasté, Pooja! | 189
| | 13. | Ganga Mata – Der Weg zum Himmelreich | 208
| | 14. | Am Ende unserer Träume | 239
| | Epilog | 256
| | Karte: Indien | 259 |
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