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Meyer schwärmt sehr für die Natur, oder vielmehr, wie er sagt, für Natur, und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal, weil dieser Sport billig ist, denn Meyer ist für das Billige; zweitens, weil er bekömmlich ist, denn Meyer ist für das Bekömmliche; drittens, weil Meyer eine bedeutende naturwissenschaftliche Bildung hat, denn er hat Primareife, ein Vergrößerungsglas, einem ziemlich richtig gehenden Laubfrosch und ist Mitglied des Kosmos.
Infolgedessen ist für Meyer die Natur eine leicht erklärbare Sache. Über die Tierseele hat ihn Doktor Zell, über die Entstehung der Welt der Urania- Meyer, über die Entwicklung des Menschen Friedrich Wilhelm Bölsche vollkommen genügend unterrichtet; den Rest denkt er sich selbst zusammen.
Meyer und ich gehen oft aus; Meyer redet, und ich höre zu; Meyer erklärt, und ich versuche zu folgen; Meyer lehrt, und ich stelle schüchterne Fragen; wenn er sie nicht beantworten kann, erklärt er sie für zu leicht, als daß er darauf eingehen könnte.
Auch gestern nachmittag drei Uhr hatten wir uns zu einem Spaziergang nach auswärts verabredet, weil dort, sagte Meyer, die Natur noch natürlicher sei als bei der Stadt, wo die Kultur schon so tief hineinschneide, daß man derselben nicht mehr bequem erkennen könnte.
Da das Wetter schön und warm war, hatte ich meinen dünnsten Anzug, den leichtesten Wanderstab und einen Strohhut gewählt. Meyer als Mann der Wissenschaft hatte seinen Laubfrosch befragt, und da dieser ihm zart andeutete, daß das Wetter sich ändern könne, erschien er in Lodenhut, Havelock und Regenschirm.
So hatte er an alle Möglichkeiten gedacht, nur nicht an die Zigarren, und war infolgedessen auf meine angewiesen, ein Vorgang, der mich stets in eine gereizte Stimmung versetzt.
Auf der ersten Haltestelle stiegen wir aus und wanderten in jenem gemessenen Gange, der den besonnenen Naturbetrachter in der unwissenschaftlichen Menge sofort kenntlich macht, unseres Weges.
»Wie zweckmäßig diese Blume, Hieracium, Habichtskraut heißt sie, eingerichtet ist,« sprach Meyer und zeigte auf einen Blume, die im grünen Grase stand und ob dieser unerwarteten Ansprache fast vom Stengel fiel; »ihre leuchtende Farbe zieht die Insekten an. Wäre sie zum Beispiel rot, so würde sie nicht bemerkt werden.«
In diesem Augenblick kam ein Hummel an, die irgend etwas in den Bart brummte, das wie Kartoffelkopp klang, übersah vollständig das schreiend gelbe Plakat des Habichtskrautes und ließ sich an einer roten Taubnessel nieder. Meyer wandte sich entrüstet ab.
»Es ist merkwürdig,« sprach Meyer, indem er sich mit einem rotbaumwollenen Taschentuch, auf dem die Schlacht bei Königgrätz abgebildet war, die Stirn abwischte, »welchen erhebenden Einfluß die Sonne auf alle Geschöpfe ausübt. Ein Zug von Frohsinn, Liebenswürdigkeit, Freude und Harmlosigkeit geht durch alle Wesen.«»Platz da, zum Donnerwetter,« brüllte eine rauhe Stimme, und in eine Staubwolke gehüllt und klingelnd, als risse er an der Nachtglocke einer Hebamme, sauste ein Radfahrer zwischen uns durch, es Meyer überlassend, bezüglich der Radfahrer eine einschränkende Fußnote zu seiner Theorie von der Wirkung der Sonnenstrahlen zu machen.
Dann zeigte mir Meyer ein Pflanze, die er Wasserhahnenfuß, Batrachium, nannte. »Sehen Sie,« sagte er, »würde dieser Graben fließen, so würde diese Pflanze lauter untergetauchte, aber keine schwimmenden Blätter haben. Da das Wasser aber steht, so bringt sie es zu letzteren. Das ist das Gesetzt der Anpassung, das Darwin entdeckt hat.«
»Stimmt,« sagte ich; »es ist dasselbe, als wenn man einen Anarchisten aus den bewegten Wellen des Proletariats in die ruhigen Verhältnisse des Kapitalismus bringt; schon nach fünf Bierminuten wird er konservative Blätter treiben.«
»Da ist Unsinn,« sprach Meyer, »geben sie mir lieber eine Zigarre.« Ich gab sie ihm, und er fuhr fort: »Bemerken Sie jenen blanken Käfer?« Ich bemerkte ihn. »Derselbe ist im Besitz von vier Augen. Mit den oberen sieht er über dem Wasser, mit den unteren unter demselben her, um sowohl die Beute zu erspähen, die auf, als auch die, die unter dem Wasser schwimmt. Zu dem Behufe sind die oberen Augen anders konstruiert als die unteren.«
»Das ist mächtig praktisch,« erwiderte ich; »aber was macht er, wenn er einmal auf dem Rücken schwimmt und mit Wasseraugen in die Luft und mit den Luftaugen in das Wasser guckt?«
Meyer überging diesen triftigen Einwand und fuhr fort: »Diese kleinen Käfer, die hier überall fliegen, sind Aphodien, Mistkäferchen. Die Natur hat sie dazu bestimmt, alle exkrementalen Stoffe fortzuräumen. Mit unglaublicher Sicherheit wissen sie jeden Mist aufzufinden und fliegen auf ihn zu.«
»Pfui, Spinne,« sprach er dann und spie eins dieser witzigen Insekten, das ihm in den stets offenen Mund geflogen war, in die Landschaft, und fuhr darauf fort: »Bemerken Sie diese Lerche da?« Ich bemerkte sie. »Dieselbe hat einen anderen Gesang als die Bachstelze, die überhaupt keinen hat, und diese einen anderen als der Hänfling; das ist deswegen so, damit die Arten sich zusammenfinden, sonst würde es ein heilloses Durcheinander geben.«
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