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Die blaue Schlange
Indianer-Roman von Karl May. (Schluss.)
Ich hatte meine fünf Gewehre umgehängt, den Bärentöter, mein Henrygewehr, einen Mauserkarabiner, eine Elefantenbüchse und einen Drilling, den Hirschfänger und einen Schleppsäbel umgebunden, drei Paar Revolver und einige Doppelpistolen in den Gürtel gesteckt, den Sauspieß, eine Hellebarde, mein Tomahawk, einen Lasso und eine Walfischharpune in die Hand genommen und die kleine Gattlingkanone, ohne die ich nie in die Prärie ziehe, in dem Rucksack untergebracht und die Hosentaschen mit Stinkbomben und Dynamitpatronen gut gefüllt. So kroch ich mit der mir eigenen Schläue, an der mir kein Irokese gleichkommt, durch das hohe Gras der Prärie -- als ich plötzlich fünf baumstarke, bis an die Zähne bewaffnete Indianer vor mir sah, welche mit ihren vergifteten Pfeilen auf mich zielten. Ich war so kaltblütig, dass ich erst einen Schluck Cognac nehmen musste, um mich zu erwärmen, dann beschloss ich, die Kerle nicht zu töten, sondern lebendig zu fangen. Es waren Gelbfußindianer, wie ich sofort an ihrem Dialekt erkannte, denn ich beherrsche alle Indianerdialekte wie meine Muttersprache, sogar noch besser.
-- „Tschindara bim bim!‘‘, sagte der eine, was auf Deutsch heißt: „Bleichgesicht, du musst sterben!‘‘
„Ja, oder was beißt mich!‘‘, hohnlachte ich mit der mir eigenen Geistesgegenwart, sprang mit einem gewaltigen Saltomortale -- ich war immer ein brillanter Springer! -- über die Köpfe der verdutzten Indianer weg, drehte mich im Sprung und fiel ihnen so, ehe sie sich von ihrem Staunen erholen konnten, in den Rücken. Ohne meine Waffen fallen zu lassen, warf ich mit jeder Hand und mit jedem Bein einen zu Boden, während ich den mittleren mit den Zähnen am Kragen fasste und gleichfalls niederwarf.
„Blimi, Blami!‘‘ (Gnade, Erbarmen) stöhnten sie, ich aber sagte: „Vorher sollt ihr eine Tracht Schläge bekommen!‘‘Mit der Nilpferdpeitsche, ohne die ich nie ausgehe, zog ich jedem nun 25 Streiche über den Rücken, und dann fesselte ich einen mit meinem Lasso, einen mit meinen Hosenträgern, einen mit meinem Schnupftuch und die andern mit Handschellen, welche ich zu solchen Zwecken immer bei mir führe. Ein anderer hätte sie vielleicht erst gefesselt und dann gehauen, ich hielt das nicht für fair. Dann sprach ich:
„Ich werde euch nicht töten, denn ich bin ein Christ, und ein solcher tut einem Wehrlosen nichts zu leide! Bleibt nur liegen, vielleicht befreit euch ein anderer!‘‘
Dann ritt ich auf meinem arabischen Rappen Rih davon, nachdem ich den Burschen ihre Waffen abgenommen und zu mir gesteckt hatte. Es galt jetzt, den Häuptling ‚Die blaue Schlange‘ einzuholen und meine Gefährten zu retten. Wir flogen dahin, viel, viel schneller als der Wind, und ich war mehrmals in Gefahr, mich selber einzuholen oder zu überreiten. So waren wir schon stundenlang galoppiert und Rih hatte noch kein nasses Haar. Hin und wieder schoss ich während des Rittes einen Tiger, einen Eisbären oder ein Rhinozeros, bekehrte einen alten Indianer zum Christentum, befreite einige Gefangene aus dem Kerker und entdeckte geheimnisvolle Felsenhöhlen und unterirdische Gänge. Wenn mich der Ritt durch bewohnte Gegenden führte, ertönte überall, halb im Tone des Entsetzens, halb im Tone des Grauens, der Ruf: „Old Shatterhand kommt!‘‘ Ich tat niemandem etwas zu leide, und die paar Dutzend Indianer, die mich unterwegs anfielen, tötete ich nicht, sondern betäubte sie nur durch einen furchtbaren Schlag auf den Kopf und fesselte sie mit meinem Lasso...
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Es ist kein Zufall, dass die Anthologie mit drei eindeutigen Parodien beginnt. Tatsächlich stehen Parodien auf Mays Stil und seine Motive am Beginn der literarischen Rezeption seiner Werke. Die Texte des Jugend-Redakteurs Fritz von Ostini (Die blaue Schlange, 1901), eines Anonymus aus Aachen (Ich in Aachen, 1902) und des unerbittlichen May-Gegners Rudolf Lebius (Die Löwenjagd, 1905) aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts sind die hervorragendsten Beispiele dafür.
Die umfangreichste Gruppe der ´Karl-May-Geschichten´ bilden aber jene Romane, Erzählungen und Autobiografien, in denen Schriftsteller sich an ihre jugendliche Karl-May-Lektüre erinnern und diese zum Thema eigener Fiktionen machen.
Danach folgen die Romanbiografien über May, in denen sich der Versuch, dieses vielfach gebrochene Leben nachzuerzählen, oft mit Fiktion und dichterischer Freiheit vermischt.
Bedürfte es überhaupt noch eines Beweises dafür, dass Karl May inzwischen von seinen nachgeborenen Schriftstellerkollegen als beachtlicher, wenn auch höchst eigentümlicher Mensch und Autor wahrgenommen wird, so könnten ihn jene Erzählungen und Romane der letzten Jahre liefern, in denen sich ´Karl May´ als Kunstfigur selbstständig macht und in nur noch lockerer Bindung an seine authentische Biografie die merkwürdigsten Begegnungen und Abenteuer erfährt.
| Dieter Sudhoff
| | | | Vorwort
| | | | Fritz von Ostini
| | | | Die blaue Schlange
| | | | Indianer-Roman von Karl May. (Schluß.)
| | | | Anonym
| | | | Ich in Aachen
| | | | Reiseroman von Karl May. (11. Fortsetzung.)
| | | | Rudolf Lebius
| | | | Die Löwenjagd
| | | | Reiseerlebnisse von Karl May
| | | | Leonhard Frank
| | | | Die Räuberbande
| | | | Roman [Auszug]
| | | | Wilhelm Matthießen
| | | | Karl Mays wunderbare Himmelfahrt
| | | | Ein Märchen
| | | | Paul Keller
| | | | Hero und Leander
| | | | Hans Reimann
| | | | Joe und Charlie
| | | | Nach Karl May
| | | | Hellmuth Unger
| | | | Mein Freund Winnetou
| | | | Heinrich Lhotzky
| | | | Ein unerwünschter Gast
| | | | Franz Kandolf
| | | | Spuk in der Villa Shatterhand
| | | | Otto Soyka
| | | | Old Shatterhand
| | | | Eine Erzählung
| | | | Otto Flake
| | | | Karl May bei den Mädchen
| | | | Harry Schreck
| | | | Ein Mann denkt an Karl May...
| | | | Gustav Renker
| | | | Der große Winnetou
| | | | Eine Schülergeschichte
| | | | Karl Heinz Dworczak
| | | | Das Leben Old Shatterhands
| | | | Der Roman Karl Mays [Auszug]
| | | | Franz Josef Weiszt
| | | | Karl May
| | | | Der Roman seines Lebens [Auszug]
| | | | Veit Bürkle
| | | | Frühe Liebesgeschichte um Karl May
| | | | Fritz Barthel
| | | | Letzte Abenteuer um Karl May [Auszug]
| | | | Hansotto Hatzig
| | | | An einem Tag in Riva
| | | | Eugen Oker
| | | | Winnetou in Bayern
| | | | Ein Roman für erwachsene Kinder [Auszüge]
| | | | Erich Heinemann
| | | | Gut gemacht, Winnetou
| | | | Erich Loest
| | | | Karl-May-Novelle
| | | | Albrecht Peter Kann
| | | | Karl May – So war sein Leben [Auszug]
| | | | Burghard Bartos
| | | | „Old Shatterhand, das bin ich.“
| | | | Karl May [Auszug]
| | | | Peter Henisch
| | | | Vom Wunsch, Indianer zu werden
| | | | Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete [Auszug]
| | | | Walter Püschel
| | | | Old Shatterhand in Moabit
| | | | Ein Karl-May-Roman [Auszug]
| | | | Lothar Reichel
| | | | Winnetou darf nicht sterben
| | | | Ein Jugendroman [Auszug]
| | | | Otto Kreiner
| | | | Abendsonne
| | | | Roman über Karl May [Auszug]
| | | | Juergen Heinzerling
| | | | Karl May und der Wettermacher
| | | | Roman [Auszug]
| | | | Otto Emersleben
| | | | In den Schründen der Arktik
| | | | Reiseerzählung [Auszug]
| | | | Hans Christoph Buch
| | | | Empor ins Reich der Edelmenschen oder:
| | | | Wie Karl May Adolf Hitler traf
| | | | Cornelia Panzacchi
| | | | Im Tal der Bücher
| | | | Ein Roman phantastischer Reisen
| | | | Die Auen [Auszug]
| | | | Textnachweise und Biogramme | | |
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