Islamische Welt

Der Nahe Osten: Erfahrungen, Begegnungen, Analysen

RSSIslamische Welt Islamische WeltCover: Islamische Welt

Deutsch752 SeitenErschienen: 2013Edition: 1

Arnold Hottinger ist einer der international angesehensten Kenner der islamischen Welt zwischen Marokko und Afghanistan. Rückschau auf 50 Jahre BerichterstattungISBN: 9783038239840Verlag: Neue Zürcher Zeitung NZZ Libro18.30 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

  • Leseprobe
  • Dieses Buch ist aus der Erfahrung eines langjährigen Berichterstatters entstanden, der gelernt hat, dass es keine völlig objektiven Berichte gibt. Immer fliesst etwas vom persönlichen Leben und Erleben des Berichtenden ein, gleich ob er die Feder führt, oder ob er eine Kamera lenkt, um mit ihr Bilder «zu schiessen». Aus diesem Grund schien dem Verfasser der ehrlichste Weg, seine eigene Konditionierung offen zu legen, mindestens soweit als er sie sich selbst klar zu machen vermag.
    Im Verlaufe des Versuchs, die Verhältnisse und Erlebnisse des Berichtenden zusammen mit dem Berichteten vorzulegen, ergab sich eine weitere Dimension. Rückblickend wissen wir erstaunlich viel mehr und Genaueres über die damaligen Geschehnisse als es damals in Erfahrung gebracht werden konnte. Für den am Geschäft des «news»-Machens und -Überbringens Beteiligten hat es eine besondere Faszination, nachträglich zu lernen, was er damals nicht wusste, und die Irreführungen zu erkennen, denen er damals zum Opfer fiel. Doch auch für den «news»- Empfänger sollte es von Bedeutung sein, zu erfahren, dass er damals nicht alle Fakten und deshalb nicht immer die richtige Orientierung geliefert bekam und dass er dies auch für die Zukunft schwerlich erwarten darf.
    Der Begriff «news» wurde für «Neuigkeiten» geprägt, die sich in der eigenen Kultur und Gesellschaft ergeben. Doch im Verlauf der heutigen Globalisierung wurde auch immer mehr zu «news», was in fernen Kulturen und Gesellschaften geschah. Dies wirkt ja auch mehr und mehr auf die unsrigen ein. In der eigenen Gesellschaft genügt es, die Neuigkeit zu erfahren und aufzunehmen, weil der Gesamtzusammenhang, in den sie gehört, bekannt ist. Dies ist nicht der Fall, sobald es um «news» aus einer fremden Gesellschaft geht. Oft gibt es über sie mehr Vorurteile als Kenntnisse. Deshalb werden die «Neuigkeiten» aus einer fremden Welt leicht im Licht der bestehenden Vorurteile oder der Zusammenhänge gesehen, die in der Aufnehmergesellschaft bestehen. Das macht sie dann unverständlich. Das Wort «Parlament» bedeutet nicht das gleiche in einem europäischen und in einem nahöstlichen Land. Information über die arabische oder die islamische Welt müsste anders gegeben werden als die über Ereignisse im vertrauten Eigenbereich. – Wie anders? – Womöglich so, dass die Zusammenhänge klar werden, in denen sich die Dinge «dort» abspielen. Sogar «Terroristen» werden innerhalb dieser Zusammenhänge zwar nicht entschuldbar aber verständlich. Und eine wirksame Terrorbekämpfung, welche die Krankheit anpackt, nicht nur ihre Symptome, dürfte erst möglich sein, nachdem die Ursachen der Terroraktionen verstanden sind.*
    Die Zusammenhänge sind immer wieder der Schlüssel, der den Europäern und natürlich auch den Amerikanern zum Verständnis der Lage fehlt. Vielleicht kann man sie überhaupt erst erkennen, wenn man in die betreffenden Länder reist. Jedenfalls gehört es zu den Erfahrungen des Verfassers, dass er selbst immer wieder, wenn er ein Land besuchte, in dem er noch nie gewesen war, trotz aller vorbereitenden Lektüre das Land und seine Leute ganz anders fand, als er sie sich vorgestellt hatte. Diese Erfahrung macht ihn bescheiden in Bezug auf die Wirkung seiner eigenen Arbeit; offenbar lässt sich durch blosses Beschreiben nur ein geringer Teil der Lebenszusammenhänge übermitteln, die «dort» in einem neuen Land und in einer fremden Kultur die entscheidenden sind.
    Einen Begriff davon zu bekommen, wie fremde Gesellschaften funktionieren, ist heute wichtiger geworden als früher, weil die Welt enger zusammenrückt. Als andere Kulturen weit entfernt lagen, konnten die meisten Nachbarkulturen sich mit einigen Stereotypen begnügen, die über die anderen umliefen. Das tat nicht viel Schaden, bis zu der Zeit, die vor 200 Jahren begann, als die unsrige anfing, sich den anderen Kulturen der Welt aufzuzwingen. Ohne die unsrige kommt heute keine mehr aus. Eingriffe dort, angeblich um unserer Sicherheit willen, sind gegenwärtig eine politische Mode. Die Nachbarkulturen bestehen fort, allerdings in geschädigter, von unserer Kultur angeschlagener Form. Sich in ihnen auszukennen, wird ein wichtiges Bedürfnis, weil es für ein Zusammenleben ohne allzu brutale Reibungen und Zerstörungen wesentlich ist.