Ein Tag im Leben des 179212

RSSEin Tag im Leben des 179212 Ein Tag im Leben des 179212Cover: Ein Tag im Leben des 179212

Deutsch198 SeitenErschienen: 2012Edition: 1

Jens Söring schildert seinen Alltag im amerikanischen Strafvollzug und den Alltag des Gefängnislebens. Bewegend und eindringlich berichtet er von der Monotonie, den Vollzugsmaßnahmen, den Einschränkungen und den oft unmenschlichen Härten des amerikanischen Strafvollzugs. Dieses Buch erschien unter demselben Titel bereits 2008 im Gütersloher Verlagshaus - dies ist die ebook-Ausgabe desselben Werkes. Jens Söring ist ein Deutscher, der seit über 25 Jahren in den USA inhaftiert ist. Er soll 1985 die Eltern seiner damaligen Freundin ermordet haben, er selbst beteuert seine Unschuld. Im Gefängnis wurde er Schriftsteller und hat mittlerweile sieben - teilweise preisgekrönte - Bücher veröffentlicht. Jens Söring kämpft bis heute um seine Freiheit. In den Jahren 2010/2011 tauchten DNS-Tests und ein neuer Zeuge auf, der die Unschuldsbehauptung von Jens Söring unterstützen. Jens Söring hat in Deutschland viele Unterstützer, die von seiner Unschuld überzeugt sind und zahlreiche Medien berichteten schon über seinen Fall. Ausführliche Informationen: www.jenssoering.de und auf facebook.ISBN: 9783000375323Verlag: scripts for sale Medienagentur GmbH5.99 € inkl. gesetzl. MwSt. / ohne DRM

  • Leseprobe
  • Jens Söring schlägt morgens die Augen auf – und er ist immer noch im Gefängnis, immer noch in den USA, immer noch im Brunswick Correctional Center, und die Erinnerung ist immer noch da.

    Die Gitterstäbe vor dem Fenster, die enge Zelle, das schmale Bett, die hässlichen grauen Wände, die Eisenstangen an der Tür, die Geräusche vor der Zelle, sie alle erinnern ihn an seine erste Liebe und seinen größten Fehler.

    Er ist lebenslänglich im Gefängnis für eine Liebe, die nicht überlebt hat.

    Er kann ihr nicht entkommen, ihr nicht davonlaufen, wie schnell er auch rennt auf dem Gefängnishof, er kann sie nicht abstreifen, sich nicht vor ihr verstecken, er wird sie nicht los. Sie ist immer bei ihm, treu, bleich und mahnend: Die Erinnerung an seine Jugendliebe.

    Jens Söring lernt Elizabeth Haysom im Herbst 1984 an der University of Virginia kennen. Beide sind im ersten Semester, Jens ist 18 Jahre alt, Elizabeth 20.

    Sie ist attraktiv, kapriziös und exzentrisch, er ist ungelenk, jung, streberhaft und unerfahren.

    Elizabeth ist eine charismatische Persönlichkeit, interessant, intelligent, unterhaltsam, mit einer lebhaften Fantasie und einem eher entspannten Verhältnis zur Wahrheit. Sie liebt es zu provozieren und Aufsehen zu erregen. Eine Kanadierin mit einem vornehmen britischen Boarding School Akzent. Eine begabte Geschichtenerzählerin mit einem Hang zu Übertreibungen und Ausschmückungen. Sie zieht ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen in ihren Bann mit bunten Geschichten von ihrer wilden Vergangenheit, bisexuellen Erfahrungen und Reisen durch Europa. Sie ist ungewöhnlich, unkonventionell, unberechenbar, rebellisch, will sich nichts vorschreiben lassen, sich nicht den gesellschaftlichen Erwartungen beugen und brüstet sich mit Geschichten von Drogen, Missbrauch, Vergewaltigung. Sie schockiert gerne und weidet sich an dem Entsetzen oder dem Erröten ihrer Zuhörer.

    Jens ist gebannt.

    Ihm eröffnet sich eine ungeahnte neue Welt. Er hat eine behütete, privilegierte Kindheit erlebt, abgeschirmt in renommierten Privatschulen. Er hat keinerlei Erfahrungen mit Drogen, Kriminalität, Missbrauch, Gewalt oder psychischen Erkrankungen.

    Er ist grenzenlos fasziniert von Elizabeth, von ihrem ungewöhnlichen Leben, ihrem Talent, ihren farbenprächtigen Geschichten, ihrer abenteuerlichen Vergangenheit und bewundert ihre Energie, die sie sich trotz scheinbar widriger Umstände und schrecklicher Erlebnisse bewahrt hat. Jens fehlt jegliche Erfahrung, um in Elizabeths Verhalten und ihren Geschichten neurotische oder krankhafte Züge zu erkennen. Elizabeth sieht sich als Schriftstellerin und Künstlerin, die dem Leben und ihren Eltern trotzen muss, um ihr Genie zu entfalten, sie ist ausgesprochen überzeugend. Sie übt einen unerklärlichen Zauber aus, und ihre begeisterten Zuhörer hängen an ihren Lippen.

    Nicht nur Jens ist fasziniert. Ein Professor beschreibt sie als die »Bienenkönigin der Universität«. Das halbe Studentenwohnheim, Jungen wie Mädchen, sind rettungslos verliebt in Elizabeth.

    Die Empörung und Überraschung auf dem Campus ist groß, als sie sich im Dezember 1984 ausgerechnet den deutschen Streber als Liebhaber erwählt. Ein ungleiches Paar. Jens ist unglaublich stolz und verwundert, dass sie gerade ihn den anderen Studenten vorzieht. Für ihn ist es die erste Beziehung. Er ist in jeder Hinsicht unreif, unerfahren und jungfräulich.

    Viele Studenten himmeln Elizabeth weiterhin sehnsüchtig aus der Ferne an und sind neiderfüllt, bitterböse und eifersüchtig auf Jens.

    Jens Söring wird 1966 in Bangkok, Thailand, geboren, sein Vater ist Diplomat, die Familie stammt aus Deutschland. Sie ziehen häufig um, immer einem neuen diplomatischen Posten des Vaters folgend. Die ersten Lebensjahre verbringt Jens mit seinen Eltern auf Zypern, sein jüngerer Bruder wird dort geboren, dann ein paar unbeschwerte Jahre in Deutschland, und als Jens 11 Jahre alt ist, zieht die Familie in die USA. Jens’ Vater arbeitet in Atlanta, Georgia, für das deutsche Generalkonsulat. Die Sommerferien verbringt die Familie immer in Deutschland oder in der Schweiz.

    Es wird großer Wert auf gute Schulbildung und vorbildliche Manieren gelegt, und Jens und sein Bruder besuchen in Atlanta eine namhafte Privatschule. Jens begreift sehr früh, dass seine Mutter Probleme mit Alkohol hat und macht es sich zur Gewohnheit, seine Mutter zu schützen. Jens bemüht sich, durch besonders gutes Betragen und hervorragende schulische Leistungen aufzufallen. Er verbringt auch nachmittags viel Zeit in der Schule und engagiert sich in zahllosen Wahlfächern und Neigungsgruppen. Er ist Schulbester in Englisch und Mitherausgeber der Schülerzeitung, obwohl Englisch nicht seine Muttersprache ist und die Familie untereinander nur Deutsch spricht. Deutschland bleibt für Jens immer seine Heimat. Jens fühlt sich in den USA immer ein wenig unsicher und als Außenseiter, er gehört nicht so richtig dazu, er ist ein Streber, nicht so sportlich, die amerikanischen Mädchen sind ihm nicht unbedingt zugetan, seine deutsche Herkunft erweist sich eher als Hindernis, er kämpft mit Minderwertigkeitsgefühlen, Selbstzweifeln, und überragt nur auf intellektuellem Gebiet. Die soziale Kompetenz bleibt unbemerkt hinter den herausragenden akademischen Fähigkeiten zurück. Jens träumt davon, nach der Schule an eine deutsche Universität zu gehen und sein Studium in Deutschland zu absolvieren. Dann erhält er 1984 ein vielbegehrtes Jefferson Hochbegabtenstipendium für die Universität Virginia, seine Eltern sind verständlicherweise begeistert und stolz, aber Jens ist insgeheim bitterlich enttäuscht, dass er seine Rückkehr nach Deutschland aufschieben muss.

    An der Universität in Virginia ist er dann zum ersten Mal umgeben von Gleichgesinnten, anderen Überfliegern, Genies und Stipendiaten und fühlt sich dazugehörig.

    Elizabeth ist Jens’ erste feste Freundin, seine erste Erfahrung mit der Liebe. Sie sind unzertrennlich, schreiben sich ellenlange, grüblerische Briefe und diskutieren nächtelang Philosophie und Literatur. Als sie ihm höchst romantisch versichert, sie habe ihm zuliebe die Drogen aufgegeben, er gebe ihr Kraft, sie brauche von nun an nur noch seine Liebe zum Leben, glaubt er ihr nur zu gerne und bereitwillig.